Google+ – Potenzial zur zentralen Anlaufstelle des Internet

Wer seine Präsenz in den Social Media optimieren will, steht seit dem Rollout von Google+ vor neuen, möglicherweise schwerwiegenden Entscheidungen, die bisherigen Präsenzen betreffend. Googles endlich gelungene Social Media-Plattform vereint das durch Twitter bekannt gewordene asymmetrische Follower-Prinzip mit einem nach eigenen Vorlieben kanalisierbaren Newsstream und den hochwertigen Google-Profilen, die quasi als eigenständige Webpräsenzen der Mitglieder angesehen werden können.

Da es keine Zeichenbegrenzung für einzelne Beiträge gibt, eignet es sich zum ausführlichen Bloggen spontaner Gedanken ebenso wie für Kurzmitteilungen. Die Kommentar- und Benachrichtigungsfunktionen erlauben profilübergreifende Diskussionen. Und Standardfunktionen wie das Einfügen von Bildern, Videos oder Sounddaten sowie die Funktionen zur Formatierung von Schrift und für die Bearbeitung bereits veröffentlichter Beiträge bieten ein Informationserlebnis, wie es bisher nur durch die gleichzeitige Nutzung verschiedener Dienste und Plattformen erlebbar war.

Geeignete Plattform zur Konsolidierung

Im Moment ist zwar alles noch recht neu, weshalb man sich eingehender und vor allem länger mit der Plattform beschäftigt. Es lässt sich also noch keineswegs absehen, wohin sich Google+ tatsächlich entwickeln wird. Dennoch lässt sich vermuten, dass es eine geeignete Plattform zur Konsolidierung der Social Media-Aktivitäten werden könnte. Wurde anfangs noch geunkt, G+ wäre der heimlich lang herbeigesehnte Facebook-Killer, zeigte sich recht schnell, dass eher Twitter überflüssig werden könnte, zumal der Kurznachrichtendienst auch nach fünf Jahren seines Bestehens einfach nicht vom Mainstream angenommen wird.

Die frühen Nutzer sind im wesentlichen identisch mit den bekannten Aktiven im Social Web. Noch verleiht dieser Umstand der Plattform so einen Hauch von elitärem Club, weshalb keine allgemeingültigen Schlüsse über die Entwicklungsrichtung zulässig sind. Es zeigt sich aber trotzdem, dass Zeit und Aufmerksamkeit auch der Early Adopter begrenzt sind. Gerade weil dieses Phänomen deutlich zutage tritt, fragen sich nicht wenige, wozu sie noch twittern sollen, wenn sie doch die gleichen Leute viel besser auf G+ erreichen.

Auf diesem Screenshot aus Klout sieht man sehr schön, wie der True Reach-Wert – also meine tatsächliche Reichweite auf Twitter – am 08.07.2011 (gut eine Woche nach dem Launch von Google+ und ab dem Moment, als der Einladen-Button dauerhaft eingeblendet blieb) erheblich nachgelassen hat. Tatsächlich haben fast 60 meiner Follower ihren Twitter-Account spontan gelöscht.

Man mag eine solche Reaktion für verfrüht halten, allerdings ist sie es nicht. Rein vom Gefühl spürt jeder dort aktive Social Web-Nutzer, dass er künftig G+ verwenden wird. Man bemerkt den Zeitmangel und die einsetzende Überforderung durch zu viele Informationen und möchte das begrenzen. Da bietet sich der ehemals heiß geliebte, aber ungleich funktionsärmere Kurznachrichtendienst regelrecht an, da die gleichen Leute dieselben Nachrichten dort verbreiten. Wozu sollte man sich diese Redundanz zumuten?

Andere sind bereits ein, zwei Schritte weiter gegangen. In mehreren von mir verfolgten Diskussionen wurde festgestellt, dass es aus denselben Gründen – die gleichen zur Verfügung stehenden Funktionen und potenziell die gleichen Empfänger – für Schnellblogplattformen wie Posterous oder Tumblr keinen Grund mehr gibt. Auch ein Premium-Account bei Yahoos Bilderplattform Flickr erscheint plötzlich fragwürdig, da mit Picasa eine gleichwertige Plattform mit unbegrenztem Speicherplatz kostenlos zur Verfügung steht und bestens in G+ integriert ist. Und aufgrund der sich ebenso abzeichnenden Nutzung zu Geschäftszwecken, bieten auch die Accounts auf den Businessplattformen XING und LinkedIn Einsparpotenzial.

Einige Leute haben G+ gar zu ihrem neuen Blog gemacht und verzichten fortan darauf, auf anderen Plattformen zu publizieren. Für meinen Geschmack geht diese Entscheidung zwar etwas zu weit, was aber logisch nicht wirklich begründbar ist. Die mit dem Attribut öffentlich publizierten Beiträge können nämlich jederzeit auch von Nicht-Nutzern außerhalb der Plattform gefunden und gelesen werden, ganz so, als hätte man auf WordPress & Co. gebloggt.

Das Verfolgen interessanter Diskussionen führt sogar zu einem angenehmen Entschleunigungseffekt. Es gibt plötzlich keinen vernünftigen Grund mehr, alle möglichen Nachrichten, die einem unter die Augen kommen, an ein Massenpublikum zu verteilen. Und ebenso wenig sinnvoll erscheint es nun, stets an der Oberfläche beliebig eintrudelnder Informationshäppchen zu verweilen. Stattdessen widmet man sich intensiver den Themen, die einen wirklich interessieren.

Gefahr aus der Cloud: Amputation der digitalen Identität

Einzig die Gefahr, sich in die Abhängigkeit von nur einer Plattform zu begeben, sollte man nicht unterschätzen. Google+ ist schließlich nicht irgendeine Social Network-Plattform, sondern die Cloud, also ein gut funktionierender Social Layer innerhalb einer umfangreichen Webware-Suite samt Datenspeicher. Erfährt man beispielsweise – aus welchen Gründen und wie lange auch immer – eine Sperre, wie dies kürzlich einigen Nutzern von Pseudonymen widerfuhr, lernt man die Kehrseite dieser Abhängigkeit – die Amputation der digitalen Identität – kennen. Ein bedenkenswerter Umstand, der generell das Vertrauen in die Cloud nicht gerade fördert. Google sollte in dieser Hinsicht über Warnungen und Notzugänge nachdenken, anstatt trollenden Denunzianten Anreize zu liefern. Schließlich hat es mit G+ eine Plattform geschaffen, die das Potenzial zur zentralen Anlaufstelle jedes Internetnutzers hat.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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7 Antworten to “Google+ – Potenzial zur zentralen Anlaufstelle des Internet”

  1. Wessen Google-Konto aus nicht bekannten Gründen schon einmal gesperrt wurde (mir passiert) wird es sich x-fach überlegen, auf selbst gehostete Daten wie ein Blog zu verzichten. Auch werde ich meine anderen Accounts (Twitter, LinkedIn, Xing u.a.) weiter so bedienen, wie bisher. Die eine Plattform intensiv, die anderen weniger intensiv.

  2. Hallo Herbert,

    ich hab eine solche Sperre vor ein paar Jahren auch schon mal erlebt. Da hatte ich etwas zu derbe getrickst, um – übrigens erfolgreich – die Website einer Kundin nach vorn zu bringen. Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, dass da auch nur dieser ominöse Link war »Profil nochmal überprüfen«, der nach Anklicken verschwand. Und ich glaube, ich wurde dann per Mail gebeten, eine Ausweiskopie zu senden. – Diese Art der Verifizierung hat Möglicherweise tatsächlich auch etwas damit zu tun, Identitätsdiebstahl aufzuklären, abzuwehren, zu unterbinden.

    Und nach den zahlreichen Diskussionen der letzten Tage und Wochen ist mir also klar, dass man keinesfalls alle Daten an einem Ort haben sollte. – Spannend wird das noch werden, wenn es in Zukunft gar keine Rechner mit Speichermöglichkeit mehr geben wird …

    Ungeachtet dessen hab ich für mich aber eine Reduzierung einiger Dienste beschlossen. Ich finde es angenehmer, eine Diskussion in die Tiefe zu verfolgen. Da muss ich nicht noch zig andere Themen gleichzeitig mitbekommen. Und es macht auch keinen wirklichen Sinn, die Linkschleuder für die Nachrichtenhäuser zu spielen. Also reduziere ich Twitter.

    Twitter ist natürlich unentbehrlich in aktuellen Nachrichtenlagen, wie das erst vergangenen Freitag während und nach des Bombenanschlags in Oslo und dem Massenmord auf Utoya deutlich wurde. Da funktioniert es wie ein Ticker, keiner ist schneller. – Aber im Alltag ist das nicht mehr nötig.

    Auch Facebook erscheint plötzlich unendlich langsamer und unspannend. Ich habe festgestellt, dass ich mit 20 Minuten am Tag auskomme, alle neuen Meldungen zu überfliegen.

    Na, und LinkedIn reicht einmal die Woche, das ist nur noch ein totes Adressbuch für mich.

  3. Hallo Klaus-Dieter,

    Facebook war für mich noch nie ‘die’ wichtige Plattform. Dort bediene ich eigentlich nur die ‘Page’, und das auch nur sporadisch. Das gleiche gilt für LinkedIn und Xing. Wenn ich dort reduzieren würde, hieße das ‘Account löschen’. Da ich kein Hellseher bin, und die Entwicklung der Netzwerke schwer abschätzen kann, warte ich erst einmal ab.

    Twitter ist für mich immer noch eine wichtig, da mein Twitter-Netzwerk überschaubar ist und bleiben soll. Ich erhalte dort immer noch viele und nützliche Informationen jenseits der ‘Ticker-Ebene’. Dich sehe ich dort aber in der Tat seltener ;).

  4. Meines Erachtens wird von ‘professionellen’ Social Media Nutzern manches oft falsch verstanden. Erinnerst Du Dich an die Zeit, wo es ein Wert zu sein schien, möglichst viele Follower zu haben – und wo Methoden entwickelt wurden, diese Zahl zu erhöhen? Übersehen wurde dabei, dass gekaufte oder ‘getauschte’ Follower an sich wertlos sind – sie lesen nicht.
    Ebenso unsinnig ist die Präsenz auf allen möglichen Kommunikationskanälen – mit dann wieder nur zusammenkopiertem, ähnlichem, zuweilen identischem, Inhalt.
    Wozu?
    Ich brauche eine für jeden erreichbare Plattform für meine *Inhalte* – originale und originelle Inhalte. Und ich brauche Mittel und Wege, mögliche echte Interessenten da hinzulocken.
    oder?

  5. Hallo Carsten,

    es geht ja auch auf G+ schon wieder los mit der Followersammelei. Viele sind aber inzwischen twittererfahren und reagieren gar nicht mehr darauf. Und unter den Sammlern sind viele – wie bei Twitter –, die das Folgst-Du-mir-folg’-ich-Dir-Prinzip anwenden. Genau genommen besteht ihre Hoffnung eigentlich in der Umkehrung dieses Prinzips, nämlich ich-folge-Dir-bitte-folg’-Du-mir-auch. – Das ist Unfug, genau wie der virtuelle Schw**zlängenvergleich auf irgendwelchen Rankigplattformen.

    Richtig ist, dass Du im Grunde nur eine für Deine Inhalte geeignete Plattform benötigst und Reichweite. Blogs konnten das mal leisten, als Social Networks noch nicht so verbreitet waren. Aber auch mehr schlecht als recht, da das breite Publikum gefehlt hat.

    G+ ist auf dem besten Weg etwas zu werden, das von allen das beste zusammenfasst. Natürlich muss noch mehr getan werden, als das Backend von Blogger an das UI von G+ anzupassen. Aber sobald Artikel auf G+ ebenso einfach getaggt, kategorisiert und (über ein Backend) wiedergefunden werden können wie gewöhnliche Blogposts, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung getan.

    Momentan sehe ich das wie Herbert (kann sein, dass er das auf dem Post in G+ so kommentiert hat, das hab ich jetzt nicht so auf dem Schirm), dass man noch abwarten muss, mit Accounts löschen, da man nicht sagen kann, wohin sich alles entwickeln wird.

    Aber an sich fühlt sich G+ für mich angenehmer als alle anderen an, weil ich plötzlich diese Entschleunigung schätzen lerne (die eintritt, wenn man sich mit dem Filtern von Nachrichten etwas Mühe gibt – das wird ein Post für nächste Woche). Man kriegt nicht mehr hunderte völlig unterschiedlicher Nachrichten in kürzester Zeit zu sehen, sondern kann sehr gezielt das herausfischen, was einem im Moment tatsächlich interessiert und woran man mitdiskutieren will.

    Was die Reichweite an sich angeht (auf G+), muss man einerseits noch lernen, wann geeignete Zeiten sind. Andererseits werden die öffentlich geteilten Posts aber auch in den Suchtreffern auftauchen bzw. haben ja auch einen Permalink. Ich gehe allerdings davon aus, dass andere ebenfalls einigermaßen filtern, so dass es etwas schwieriger für den einzelnen wird, spontan Reichweite aufzubauen; jedenfalls schwieriger als auf Twitter.

    Es hat alles sein Für und Wider. Aber G+ befindet sich auf dem Weg, das beste Informationserlebnis anzubieten. Insofern bedeutet »nicht auf allen Plattformen sein zu können« eine eindeutige Entscheidung zu treffen. G+ ist da im Moment mein klarer Favorit.

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  1. Google+ hat mich gesperrt « … Kaffee bei mir? - 25. Juli 2011

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