Ist Löschen eine Form der Inhaltserstellung?

Bis vor wenigen Monaten war ich der Ansicht, dass Löschen gar nicht geht, dass man dazu stehen solle, wenn man der Öffentlichkeit einmal etwas zugänglich gemacht hat. Nachdem ich Christoph Schlingensiefs letzten Posterous-Eintrag gelesen habe, begann ich anders darüber zu denken. Da man nicht nicht kommunizieren kann, erschien mir plötzlich auch ein Löschvorgang als eine Form der Inhaltserstellung.

Gerade im Internet Publiziertes ist ja mit der Eigenschaft ausgestattet, potenziell flüchtig zu sein. Zwar vergisst das Internet angeblich nie, aber das ist eine Mär von gestern (falls sie je stimmte). Innerhalb kürzester Zeit verschwinden gelöschte Inhalte aus dem Index der Suchmaschinen und sind also nicht mehr auffindbar. Ganz davon abgesehen, dass vermutlich die allermeisten Informationen im Grundrauschen untergehen.

Es mag zwar sein, dass manche Inhalte von interessierten Usern auf andere Server gespiegelt werden und also längere Zeit verfügbar bleiben. Das ist in etwa vergleichbar mit Leuten, die Zeitungsausschnitte oder ganze Ausgaben aus Eigeninteresse und sonstigen nicht näher bestimmten Gründen privat archivieren. Aber in Stein gemeißelt sind veröffentlichte Informationen im Internet auf keinen Fall. Und selbst wenn, heißt das noch lange nicht, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich vollständig und vor allem verständlich rekonstruierbar sind.

 

 

Broken Links dokumentieren die Kurzlebigkeit von Inhalten

 
Mit dem geänderten Nutzerverhalten im Social Web sind inzwischen ganz andere Inhaltetypen entstanden. Inhalte sind nämlich keineswegs »nur« Blogposts, Videos, Podcasts, Fotos oder Websites, sondern sehr wohl auch Kommentare, Tweets, Favoriten, Likes und Links. Genau genommen sind Hyperlinks sogar der urtypischste Inhaltetyp des Referenzmediums Internet.

Auch wenn es aufgrund der unüberschaubaren Menge an täglich neu publizierten Inhalten nur unbemerkt stattfindet, aber vermutlich verschwinden regelmäßig beachtliche Mengen Inhalte durch Löschen – und generieren dadurch einen weiteren Inhaltetyp: den Broken Link. Welchen Aufwand es bedeutete, allein einen einzigen in die Jahre gekommenen Blog zu pflegen, mag man sich ausmalen, wenn man Thomas’ Artikel Erosion eines alternden Blogs gelesen hat.

Am ehesten dürfte der Vorgang des Löschens veralteter zugunsten neuerer Information von Websites und Onlineshops bekannt sein. Und im Grunde genommen ist es ja auch ein ganz normaler Vorgang, nicht mehr benötigte oder für nötig erachtete Informationen zu entfernen bzw. gegen aktuellere auszutauschen. Haus und Wohnung werden ja auch regelmäßig Renovierungen, Reparaturen und Veränderungen durch Aus- und Umbau unterzogen.

Bei publizierten Inhalten kommt es meines Erachtens auf die gesellschaftliche Relevanz der Information an, obwohl diese natürlich subjektiv bewertet wird. Der Autor eines vor etlichen Jahren veröffentlichten Blogposts ist schneller mal bereit, diesen wieder zu löschen, als beispielsweise Geschäftsvorgänge, die schon von Rechts wegen (in Deutschland bspw. mindestens zehn Jahre) aufbewahrt werden müssen. Fotos von den eigenen Eltern wird man vermutlich ein Leben lang aufbewahren. Geheime oder vertrauliche Unterlagen von größerer gesellschaftlicher Relevanz hingegen wird man eher nicht löschen und vermuten, dass Historiker späterer Epochen daran noch Interesse finden.

Ich bin jedenfalls zu der Ansicht gelangt, dass mit jedem Backlink, der gesetzt wird, und mit jedem Broken Link, der durch Löschen entsteht, der Informationsgehalt im Internet aktualisiert wird.

Und wie seht ihr das? Ist Löschen eine Form der Inhaltserstellung? – Schreibt es doch bitte in die Kommentare!

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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3 Antworten zu “Ist Löschen eine Form der Inhaltserstellung?”

  1. Sehr interessanter Gedanke!
    Meines Erachtens wird mit den Begriffen Information und Daten etwas fahrlässig umgegangen. Wenn man es richtig angeht, dann kann das Hinzufügen und das Weglassen von Daten Information sein. Eben.

  2. Super Artikel. Würde gern mehr Artikel zu der Thematik lesen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

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  1. Löschen und vergessen – Wie die Gesellschaft ihre Probleme in Erfahrung bringt #systemtheorie « Differentia - 5. Januar 2011

    [...] andere gescheitert sind, nämlich: ein Verfallsdatum für Datensätze? Woher kommt denn eigentlich das so erkannte Problem in einer Welt, die sich wie keine andere zuvor der säkularen Einsicht in die Vergänglichkeit [...]

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