Der Nützlichkeitsfaktor – oder: Auch Social Media wandeln sich

Ich denke, niemand ist in der Lage, genau vorherzusagen, wie das Internet sich verändern wird. Wandel findet allerdings immer statt, und es gibt Tendenzen sowie Erfahrungswerte, die sich miteinander vergleichen lassen. Eine an und für sich recht banale Angelegenheit ist, dass jeder größeren Veränderung im Nutzungsverhalten eine technologische Veränderung vorausgeht. Um nur die letzte zu erwähnen: Mit der Entwicklung der Web 2.0 Technologien wandelte sich das Internet vom Informations- zum Kommunikationsmedium, dem uns allen bekannten Social Media.

Der Erfolg zieht aber den Mainstream und mit etwas Verzögerung schließlich auch die Massen an, wodurch Bestehendes deren Bedürfnissen entsprechend ebenfalls verändert wird. Im Idealfall erschließen sich mit diesen vier Schritten – Veröffentlichung innovativer Technologien, euphorisches Aufgreifen derselben durch Early Adopter, Übernahme durch den Mainstream und Ankunft der Massen – neue lukrative Wirtschaftszweige.

Social Media hat inzwischen den Mainstream erreicht. Es ist zwar immer noch kein Massenphänomen, da die Bevölkerungsmehrheit Innovationen eher skeptisch beobachtet und abwartend aufgreift. Das Signal, dass eine neue Technologie tatsächlich etwas taugt und sich deshalb durchsetzt, wird aber vom Mainstream übermittelt, weshalb das zögerliche Interesse der Massen als noch bevorstehendes Wachstumsversprechen interpretiert werden kann.

Sowohl das dynamischere Webseiten-Inhalte gestattende HTML5, als auch der zunehmende mobile Zugriff aufs Internet via Smartphones und Tablet-PCs, kennzeichnen solch technologische Innovationen, die einen Wandel im Nutzungsverhalten nach sich ziehen werden. Auch die veränderte Nutzung bestehender Services, bringt nicht wenige erfahrene Anwender dazu, sie anders – gezielter und zweckgebundener – einzusetzen.

Ein Beispiel hierfür ist Twitter. Obwohl es in Deutschland mittlerweile von 3 Mio. Nutzern verwendet wird, twittert nur eine Minderheit von weniger als zehn Prozent aktiv. Das reicht allerdings, um trotzdem eine deutliche Veränderung festzustellen. Durch die meist mit Links zu weiterführenden Informationen versehenen Inhalte, hat sich Twitter von der Kommunikations- zur Social-News-Plattform gewandelt. Das hat nicht nur die Blogosphäre erheblich verändert, auch die vertwitterten Inhalte selbst führen weit häufiger auf Beiträge der etablierten Medienhäuser als auf Blogposts. Der hereinkommende sozial gefilterte Nachrichtenstrom wird von aktiven Twitterern daher noch einmal mit Hilfe von Aggregatoren und Listen nach wirklich Relevantem gefiltert, oder es wird gleich mit der Echtzeitsuche nach einem spezifischen Keyword als Recherchemedium genutzt.

Das Internet löst sich vom Computer

Webservices richten ihr Geschäftsmodell immer öfter daran aus, dem Anwender den größtmöglichen Nutzen zu bieten. Entweder um ihn solange wie möglich auf einer Plattform zu halten, wie beispielsweise Facebook. Das Social Network generiert möglichst viele Nutzerdaten für zielgerichtete Werbung, um sie umgehend an den Nutzer auszuliefern. Oder um ihn dazu zu bewegen, für den mit dem Nutzen verbundenen Mehrwert zu bezahlen. Als Beispiel möchte ich hier das Online-Notizbuch memonic anführen, mit dessen Hilfe sich z.B. zukünftige Blogposts im Internet erstellen lassen, egal von wo und mit welchem Gerät man darauf zugreift.

Mit dem Begriff Cloudcomputing ist zwar an und für sich etwas anderes gemeint, aber die Tendenz, den Anwender dazu zu bringen, einen Webservice on demand, also bei Bedarf, zweckgebunden orts- und geräteunabhängig zu verwenden, zeigt in die gleiche Richtung: Das Internet löst sich vom Computer.

Da die generierten Inhalte oftmals ohnehin im Internet verwendet werden, werden über kurz oder lang zwei Dinge diesem Trend folgen: Daten werden in absehbarer Zeit nicht mehr am heimischen PC, sondern auf Internetservern gespeichert. Und Desktop-Software wird sich zu On-Demand-Webservices wandeln.

Daten- und Privatsphärenschützer werden zwar wieder an den Rand der Hysterie getrieben, wenn Geräte erst völlig ohne Speichermedium ausgeliefert werden, so dass für die Sicherung von Daten jeder Art nur ein Webserver in Frage kommt. Diese Änderung wird aber mit einer anderen Sichtweise der Nutzer einhergehen, die letztlich immer entscheiden, was sie annehmen wollen und sich deshalb durchsetzt und was nicht.

Layering verbindet verschiedene Webservices
zu einem nützlichen Ganzen

HTML5 kommt dieser Tendenz sehr stark entgegen. Es wird zwar anfänglich vermehrt verspielte Startscreens und fliegende Menüs geben, ähnlich wie vor einem Jahrzehnt, als Flash das Webdesign beeinflusste. Aber genau wie damals wird es sich um eine Mode handeln, die vorübergeht, sobald erkannt worden ist, was tatsächlich möglich ist und was davon angenommen wird. Ich tippe mal verstärkt auf Layering, mit dem verschiedene Dienste zu einem nützlichen Ganzen zusammengefügt werden.

Foursquare und andere Location Based Services sind beispielsweise solche Kandidaten. Ortsbezogene Dienste bieten für sich genommen keinerlei Nutzen. Erst in Verbindung mit dem Social Graph, wie beispielsweise bei Facebook Places, oder (besser: und) die Verknüpfung mit Empfehlungen, wie bei Qype, wird dem Anwender einen erkennbaren Mehrwert liefern. Denn auch wenn Location Based Services großes Potenzial für zukünftiges Marketing haben, lohnt sich die Entwicklung entsprechender Apps erst, wenn die Massen Interesse zeigen.

Ich könnte noch Touchscreens, Spracherkennung und Videotelefonie als Beispiele für einen unmittelbar bevorstehenden technologischen Wandel anführen, der zu einem grundlegend anderen Nutzerverhalten führen wird. Diese Art innovative Technologien werden im Zusammenspiel mit Layering und Social Graph eine neue Qualität von Augmented Reality hervorbringen. Entscheidend für das Gelingen, egal welchen Dienstes, wird aber ein spürbarer Nützlichkeitsfaktor sein. »Social« wird schon in nächster Zeit genauso abgegriffen klingen wie »Web 2.0«, und das Social Web wird sich dann zum Expedient Web (oder wie immer das Buzzwort dann heißt) gewandelt haben.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

Diesen Artikel empfehlen Diesen Artikel empfehlen  |  Bloggeramt.de  | 

 

Über kadekmedien

Ich gestalte Ihr Erscheinungsbild, erzähle Ihre Geschichte und bringe Sie nach vorn. Kommunikationsdesign, Content Creation, SMO.

Eine Antwort zu “Der Nützlichkeitsfaktor – oder: Auch Social Media wandeln sich”

  1. Interessant und in vielen Punkten treffsicher! Den von Dir beschriebenen Wandel in der Computernutzung würde ich als Übergang zu Access-devices beschreiben. Spürbar bei Geräten wie dem iPad http://faktoide.blogspot.com/2010/04/you-dont-want-i-pad-you-are-getting-old.html
    Gruß, Carsten

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 1,829 other followers