Twitter: Zwischen Nerdistan und Mainstream

Twitter, das sicherlich wichtigste Social Media Tool, hat ein Problem, um das es wohl niemand beneidet. Um endlich ein funktionierendes werbefinanziertes Geschäftsmodell etablieren zu können, muss es die Massen erreichen. Als minimalistische Kommunikationsplattform hat es zwar unter den Early Adoptern rasch eine erhebliche Anzahl Nutzer gefunden. Außerdem sorgten externe Entwickler mit zahlreichen Zusatzanwendungen für ein nützliches Ökosystem, das die effektive Nutzung des Kurznachrichtendienstes ermöglicht. Allerdings reicht der bislang erzeugte Netzwerkeffekt nicht aus, um tatsächlich Massen anzusprechen.

In letzter Zeit wird häufiger darüber gestritten, ob Twitter bereits Mainstream sei oder nicht, und wie Mainstream in diesem Zusammenhang definiert werden sollte. Fakt ist aber, dass Twitter nicht nur ein nerdiges Randphänomen unter technologiebegeisterten Nutzern geblieben ist, sondern dass sich zusehends immer stärker schließende Kommunikationszirkel innerhalb dieser Nutzerschaft herausgebildet haben. Diese nahezu abgeschlossenen Kreise heben die Einstiegsbarriere für Neunutzer erheblich an. Motivierende Kommunikationserfolge sind wesentlich schwerer zu erreichen als zu Zeiten des Hypes in der ersten Jahreshälfte 2009. Nicht wenige lassen ihre Accounts mittlerweile verwaisen oder löschen sie gleich, und das betrifft keineswegs nur enttäuschte Neueinsteiger.

Linkschleuder der Etablierten

Die Nutzung Twitters zur Eigenwerbung hat zwar erheblichen Einfluss auf die Verlinkung innerhalb der Blogosphäre genommen und verdrängt anscheinend auch den RSS Reader. Aber gerade die neuerdings verstärkt auftretende Verbreitung von Nachrichtenangeboten großer Medienhäuser lässt Twitter in den Augen vieler nicht mehr als die beliebteste Kommunikationsplattform der Gegenöffentlichkeit erscheinen, sondern lediglich als ärgerliche Linkschleuder der Etablierten.

Und Twitters eigene Anstrengungen der letzten Monate mit Schwerpunkten auf VIPs, Werbetweets in den Suchergebnissen und Followerempfehlungen sowie den erst kürzlich angekündigten Push Notifications weisen daher auch deutlich in eine andere Richtung: raus aus Nerdistan und hin zum Mainstream. Und dieser soll möglichst weg von externen Clients auf die eigene Website bzw. die eigene iPhone-/iPad-App gelockt werden.

Ob das gut gehen kann, wird die Zukunft erweisen. Zweifel sind aber durchaus jetzt schon angebracht. Auch wenn 6 Millionen Twitterer Lady Gaga folgen, heißt das noch lange nicht, dass ihre Tweets für jeden nützlich sind. Ganz davon abgesehen, dass die Followeranzahl kein geeignetes Qualitätskriterium ist. Auch das Who-to-Follow-Feature hat unter regelmäßigen Nutzern eher Genervtsein hervorgerufen. Und dass die angekündigten Push Notifications auf Gegenliebe stoßen, kann ich mir zumindest bei jenen nicht vorstellen, die Twitter effektiv nutzen. Beim produktiven Arbeiten mit Social Media alle Naselang von aufpoppenden Benachrichtigungen unterbrochen zu werden, die auf eingehende DMs und @replies verweisen, kann eigentlich nur als störend empfunden werden. Auf diesem Weg könnte Twitter also völlig bedeutungslos werden, bevor es die Massen erreicht hat.

Der Kommunizierende ist das Medium

Dabei sollten auch die webaffinen Twitterer einmal darüber nachdenken, ob sie den Mainstream nicht etwa bräuchten, um ihre Kurznachrichten zu Marketingzwecken verbreiten. Derzeit lassen sich News und Links fast nur innerhalb bestimmter Special-Interest-Groups effektiv verbreiten. Wer sicher gehen will, dass seine Tweets auch von einem breiteren Publikum gelesen werden können, sendet sie über externe Clients ins massentauglichere Facebook.

Twitter verlöre rasch an Effektivität, wenn die Massen plötzlich in diese hochspezialisierten Kommunikationszirkel eindringen würden. Beispielsweise wenden sich Öffentlichkeitsarbeiter eher an Journalisten und andere Multiplikatoren, die sich ihrerseits via Social Networks an die Massen wenden. Die direkte Interaktion mit dem Mainstream muss nämlich auch von den Early Adoptern erst noch gelernt werden.

Der Kommunizierende ist das Medium. Diese für Social Media eigentlich typische Erkenntnis ist noch lange nicht in ihrer vollen Bedeutung überall angekommen und kennzeichnet den wahren Medienwandel von den Massenmedien hin zu Medienmassen. Es sollte mich nicht wundern, wenn gerade der Mainstream wahre Information-Overload-Tsunamis verursacht und gestandene Kommunikationsprofis ernsthaft überfordert.

Was bleibt ist die Suche nach einer effektiveren Nutzung. Wenn die eigenen Followings vorrangig dazu dienen, aus dem Nachrichtenangebot thematisch Relevantes herauszufiltern, liefern externe Services wie die Twitter Tim.es oder paper.li interessante Ansätze, wirklich Wichtiges noch einmal nach sozialer Gewichtung zu ordnen. Dabei dürfte es den Early Adoptern ziemlich egal sein, ob die allem zugrunde liegende Plattform zur Weiterverbreitung Twitter oder ein anderer Status-Updates streamender Dienst ist. So gesehen, könnte Twitter sich auf seinem Weg von Nerdistan zum Mainstream auch verirren.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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  1. Neuigkeiten und Fundstücke | David Philippe – Social Media, PR und mehr. - 14. September 2010

    [...] nun schon Mainstream ist oder nicht, hat Klaus Dieter Knoll in seinem Blog veröffentlicht. „Twitter: Zwischen Nerdistan und Mainstream“ untersucht, ob Twitter bereits den Schritt zum Mainstream geschafft hat, oder [...]

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