Faszination Social Media: Die Relativität der Privatsphäre

Um kaum ein Thema wird im Zusammenhang mit Social Media so zäh diskutiert wie um die Privatsphäre. Und obwohl man den Eindruck gewinnt, es sei bereits alles zum Thema Privatsphäre gesagt, verebbt die Diskussion darum einfach nicht. Die Hauptgründe hierfür sehe ich in den Missverständnissen, die beide Seiten eher produzieren denn auflösen. Verteidigern der Privatsphäre fehlt oftmals das Verständnis dafür, dass Menschen freiwillig Informationen über sich öffentlich preisgeben wollen. Jene wiederum wollen nicht einsehen, dass es durchaus so etwas wie Privatsphäre gibt und dass sie schützenswert ist.

So gesehen, reden Befürworter und Gegner aneinander vorbei, weil sie ein völlig anderes Verständnis von der Sache mit dem gleichen Wort verknüpfen. Selbst der angesehene Journalist und Autor von What Would Google Do? Jeff Jarvis unterliegt einem Trugschluss, wenn er bei den Deutschen ein Paradox in Sachen Privatsphäre ausmacht. Denn nackt in eine öffentliche Sauna zu gehen, ist eine Sache. Ein Video vom Saunabesuch ins Internet zu stellen, etwas anderes.

Mal abgesehen davon, dass gerade für einen Amerikaner der Besuch einer öffentlichen Sauna ein guter Ansatzpunkt sein sollte, um das Schützenswerte an der Privatsphäre zu erkennen, führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es Menschen gibt, die in der öffentlichen Preisgabe privater Informationen mehr Vor- als Nachteile für sich sehen. Diese Leute zwingen niemanden, es ihnen gleich zu tun. Aber sie beanspruchen es tun zu können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Und wem auch immer dieses Bedürfnis seltsam erscheinen mag, es äußerte sich bereits vor zehn Jahren mit dem Einzug der ersten ins Big Brother-Haus.

Ignoranz verzerrt die Tatsachen und schürt Hysterie

Skeptiker, denen es fremd und widersprüchlich vorkommt, wenn jemand private und persönliche Informationen vor einem Publikum preisgibt, pflegen eine andere Sicht auf die Dinge, weil sie oftmals auch Hintergrundinformationen schlicht ignorieren. Grundsätzlich gibt erst einmal jeder etwas von sich preis, sobald er sich im öffentlichen Raum bewegt. Dies geschieht unbewusst weit öfter als bewusst. Nachbarn beispielsweise tuscheln über Nachbarn. Woher wohl nehmen sie ihre Informationen? Oder denkt jemand beim Telefonieren in der U-Bahn an die umstehenden Fahrgäste, die alles mithören können?

Und trotzdem lohnt es sich auch für Social Media Enthusiasten, das Thema Privatsphäre einmal kritisch zu hinterfragen. Wie sieht das Geschäftsmodell der Plattform aus? Was kostenlos angeboten wird, ist noch lange nicht kostenfrei. Im Internet wird mit Daten und Aufmerksamkeit gezahlt.

Sicher, solange die freiwillig preisgegebenen Daten der Werbeindustrie verkauft werden, damit sie besser auf individuelle Bedürfnisse eingehen kann, lassen sich auch darin eher Vorteile erkennen, da man von weniger unpassenden Angeboten genervt wird. Aber was geschieht mit den einmal veräußerten Daten? Werden sie weiterverkauft? Und wenn ja an wen und in welcher Form werden sie dabei aufbereitet?

Jede einmal veröffentlichte Information trägt zur Online-Reputation bei, dem digitalen Abbild im öffentlichen Raum. Neueste Erkenntnisse legen den Schluss nahe, dass Onliner durch die Interaktion mit anderen eher dazu bewogen werden, dieses Bild von sich bewusst zu gestalten, indem sie nur bestimmte Informationen preisgeben. Dies zeigt, dass durchaus ein Bewusstsein für Privatsphäre vorhanden ist und diese für schützenswert gehalten wird.

Privatsphäre ist relativ

Privatsphäre ist nämlich nichts Absolutes, sondern etwas Relatives. Sie steht immer in Beziehung zu einem bestimmten Publikum. Niemand gibt Geschäftsgeheimnisse vor Konkurrenten preis. Der eigene Kontostand wird grundsätzlich geheim gehalten. Kein Mensch erörtert sexuelle Vorlieben mit seinen eigenen Kindern. Angestellte auf der Suche nach einem besseren Job, halten das solange wie möglich vor ihrem Chef geheim. Und letztlich hängt sich auch niemand eine Webcam aufs Klo.

Berücksichtigt man die Verhältnismäßigkeit der Privatsphäre, löst sich auch das vermeintliche Paradox auf. Was übrig bleibt, ist die Eigenart unseres Nationalcharakters, gerne mal von einem Extrem ins andere zu fallen. Bringt man diesen Charakterzug noch in einen Kontext mit der jüngeren deutschen Geschichte, lässt sich auch die emotional aufgeladene, aktuelle Kontroverse um Google Street View nachvollziehen.

Privatsphäre ändert sich in Bezug auf bestimmte Personengruppen. Und deshalb muss sie teilweise vor den Augen Einzelner geschützt werden können. Das beinhaltet aber auch die Möglichkeit zur freien Entscheidung, sich gegenüber jedermann ganz zu öffnen.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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  1. Faszination Social Media: Die Relativität der Privatsphäre (via kadekmedien’s Blog) « INNO.Services von MSP - 23. August 2010

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