Warum nicht Flattr?

Die deutschen Blogger sind ganz schön ungeduldig und überschätzen sich anscheinend auch ein wenig selbst. Erst feiern sie die publizistische Freiheit, die das Bloggen ermöglicht. Dann jammern sie wieder, weil bloggen nichts einbringt. Bei „nichts“ denken sie tatsächlich an Geld als Gegenwert für ihre Leistung. Und die ist dem Qualitätsjournalismus der gering geschätzten Holzmedien mindestens ebenbürtig; einige sehen darin sogar die fünfte Gewalt im Staate.

Lange Rede, kurzer Sinn: Haufen Arbeit, wenig drin ;)

Seit ein paar Monaten gibt es nun ein paar Webdienste, die sich des Problems angenommen haben. Die bekanntesten dürften Flattr und kachingle sein. Dort richtet man ein Konto ein, zahlt einen Betrag, den man bereit ist für seinen alternativen Medienkonsum auszugeben, und sobald man einen Blogpost gut findet, klickt man auf einen extra dafür vorgesehenen, gut sichtbar angebrachten Button.

Im Grunde ist das so ähnlich wie der Facebook-Like-Button, nur das Geld fließt – in homöopathischen Dosen, versteht sich, schließlich bieten diese Dienste Micro-Payment an, das ist die Web2.0-Vokabel für Trinkgeld. Der ein oder andere hat das möglicherweise missverstanden und endlich eine gerechte Entlohnung für seine unaufgefordert erbrachte Leistung erwartet…

Also, sprangen ab Mitte Mai eine ganze Reihe Blogger auf den Flattr-Zug auf. Und ich schätze mal, dass einige sich sogar wirtschaftliche Tragfähigkeit für ihren Blog erhofften…

Mensch, Leute! Mitte Mai!! Das sind gerade mal zwei Monate. In einer so kurzen Zeit gewinnt kein Webservice eine signifikant hohe Nutzerzahl, um einen Netzwerkeffekt zu erzeugen, der im Falle von Micro-Payment-Diensten Geldregen für alle bedeutet.

Das schnelle Platzen der überzogenen Erwartungsblase

Gestern nun hat Sascha Lobo kundgetan, weshalb er aufhört zu Flattrn, und möglicherweise hat er damit die Blase der überzogenen Erwartung zum Platzen gebracht. Ich kann seiner Argumentation gut folgen, dass die eingezahlten Beträge ja nur in Flattr-Bloggerkreisen zirkulieren und letzten Endes dazu beitragen, dass viele kleine Blogs wenige große bezahlen.

Als erstes erfuhr ich über den Tweet von @martinweigert, dass ihn da was gehörig nervte. Ein Blick auf Rivva offenbarte aber, dass es sich nur um diesen einen Post und ein paar magere Reaktionen darauf handelte. Überreaktion im Sommerloch? Oder Panik, dass nach Leithammel Lobo nun alle wieder abspringen? Wäre ja schließlich peinlich, jetzt noch sichtbar für Bakschisch zu bloggen…

Andreas Grieß versuchte dann in Reaktion auf Lobos Vorstoß auf CARTA eine Lanze zu brechen. Und er hat natürlich recht damit, dass man erstmal abwarten muss, bis es mehr Flattr-willige Leser als Blogger gibt. Das ist der bereits angesprochene Netzwerkeffekt, der sich aber so schnell nicht einstellt. Offensichtlich sind die deutschen Blogger zu ungeduldig und überschätzen sie sich auch etwas. Nach wie vor bloggt nur eine verschwindend geringe Minderheit der Bevölkerung, und es gibt kaum mehr Leser als Blogger. Böse Zungen behaupten, jeder Blog habe mindestens einen.

Niemand ist gezwungen zu bloggen

Wieso glauben einige Blogger eigentlich, man könne für die Leistung, die zweifellos hinter jedem guten Blogpost steckt, ein „gerechtes“ Entgelt erwarten? Was tun diese Blogger eigentlich und für wen? Bloggen Blogger nicht aus freien Stücken? Ist die als Gegenöffentlichkeit gepriesene fünfte Macht etwa nur ein Missverständnis?

Ein alternatives Medienangebot auf Basis freiwillig erstellter Inhalte zu machen ist eine – und wie ich meine – feine Sache. Einen Dienst zu nutzen, der dem Leser die Möglichkeit bietet, sich alternativ erkenntlich zu zeigen, ist eine logische Fortsetzung dieser Alternative. Daran geknüpfte Erwartungen können aber durchaus auch enttäuscht werden, denn was geht es den Leser an, aus welchem Grund jemand ins Internet schreibt?

Der Leser kommt einzig und allein des Inhalts wegen. Er nimmt Anteil am unvollendeten Prozess des Bloggens, indem er auf Augenhöhe kommuniziert (erinnert sich noch jemand daran?). Er muss das aber nicht, denn er ist frei und die Auswahl groß. Er kann woanders hinklicken, einen Werbeblocker benutzen und sogar auf ein Flattr-Konto verzichten. Wenn jemand wirklich nur des Geldes wegen bloggt, sollte er vielleicht zunächst an seinem Selbstverständnis nachjustieren.

Warum ich nicht Flattr sondern kachingle

Zum Schluss will ich noch verraten, warum ich Flattr nicht benutze: weil ich mich für kachingle entschieden hab. Mit kachingle könnte ich zwar auch versuchen, etwas Trinkgeld einzusammeln, aber das will ich gar nicht. kadekmedien’s Blog ist so eine Art Kundenmagazin. Hier schreibe ich über Themen, die meine Tätigkeit als selbständiger Mediendesigner und Social Media Manager betreffen. Allein die Vorstellung, Geld für meine Eigenwerbung zu verlangen, finde ich befremdlich.

kachingle war mir vermutlich sympathischer, als ich mich dazu entschied, einen Account zu eröffnen. Leider nutzen die meisten Blogs diesen Service gar nicht, obwohl er hierzulande seine größten Erfolge feiert. Ich jedenfalls nutze kachingle ganz bewusst als Leser, der sich lesenswerten Blogs erkenntlich zeigen will. Fünf Dollar im Monat (mehr geht derzeit nicht) sind natürlich nicht gerade viel. Aber ich bin nach wie vor der Auffassung, dass es beim Bloggen nicht in erster Linie um Einkünfte geht. In dem Moment nämlich, wo ein Blog nach Profit strebt, wandelt er sich in ein konventionelles Medium. Daran ist nichts verkehrt, aber eine disruptive, demokratische Alternative ist es dann auch nicht mehr.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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Über kadekmedien

Ich gestalte Ihr Erscheinungsbild, erzähle Ihre Geschichte und bringe Sie nach vorn. Kommunikationsdesign, Content Creation, SMO.

7 Antworten zu “Warum nicht Flattr?”

  1. Hallo Klaus,

    ja das thema Flatter ist zur zeit wirklich überall :) für alle anderen: der Smilie soll andeuten, dass ich gestern erst Klaus eine DM auf Twitter mit folgendem Inhalt geschrieben habe:
    “…, meinst Du Flattr waere was für Blogs in unserer Größe?…”

    naja Klaus hat mir im Prinzip das geantwortet was ich erwartet habe. Da er, wie er oben beschreibt, das Blog bereits als Werbung nutzt muss und soll dies nicht noch zusätzliches Geld bringen.

    Klar, wenn man ließt, dass einige Blogs fast einen Riesen im Monat damit machen, weckt das sicher so etwas wie Neid, doch muss man sich die Arbeit (von meist mehr als einer einzelnen Person) verdeutlichen.

    Ich erinnere mich an eine Diskussion auf Xing wo ich zur Orientierung mal wissen wollte, wie andere Blogger es mit der Werbung auf Ihren Seiten halten, und, ob ich ein Angebot für 40 Euro für einen Blogpost annehmen soll. Der fast geschlossene Standpunkt war “Ja klar, auf jeden Fall”.

    Nun, ich kann verstehen, dass Leute Werbung auf Ihren Blogs schalten. Ich halte es jedoch hier wie Klaus und habe gar keine Werbung auf meinem Blog. Mal abgesehen von 12vpn, welcher aber von einem Freund in China betrieben wird und mich 1 Jahr mit der westlichen Welt verknüpft hat.

    Fazit, ich will mit meinem Blog auch nichts verdienen, vielmehr steht ebenfalls das Gefundenwerden im Fokus.

  2. Sogar in Bremerhaven ist “flattern” ein Thema.
    http://stadt-bremerhaven.de/kein-flattr-in-diesem-blog/

    Ich wünsche uns noch einen herrlichen Sommer, einen Sommer, in dem gerade der “Nachtzug nach Lissabon” davon eilt.

  3. Sehe ich zu 100% genauso.
    Flattr ist eine nette Geste von wenigen Lesern. Nicht mehr und nicht weniger.

    Will man mit seinem Blog Geld verdienen, sollte man Sexbildchen Posten oder auf englisch schreiben und viel Geduld haben.

    Aber bloggen tut man (eigentlich) aus anderen Gründen. Spaß am Schreiben und Ideen austauschen sind für mich persönlich ganz wichtige Elemente. Dazu Sharing von Tipps, Erfahrungen, Wissen weitere. Im besten Sinne von Social Media.

  4. Das mit der “Selbstüberschätzung” vieler Blogger passt recht gut zu dem lächerlichen “Wir sollten 800 EUR Tagessatz verlangen!”-Wind, den Kollegen wie Deef Pirmasens hier (http://www.gefuehlskonserve.de/das-honorarfrei-experiment-23062010.html) gemacht haben, anstatt sich bei der WELT für die Chance auf kostenfreie Werbung für sich zu bedanken…

Trackbacks/Pingbacks

  1. t3n.de/socialnews - 6. Juli 2010

    Warum nicht Flattr?…

    Beim Bloggen geht es nicht in erster Linie um Einkünfte. Sobald ein Blog nach Profit strebt, wandelt er sich in ein konventionelles Medium und hört auf eine disruptive, demokratische Alternative zu sein….

  2. Tweets that mention Warum nicht Flattr? « kadekmedien's Blog -- Topsy.com - 6. Juli 2010

    [...] This post was mentioned on Twitter by Martin Weigert, Klaus-Dieter Knoll. Klaus-Dieter Knoll said: frisch gebloggt: Warum nicht Flattr? http://wp.me/pqPns-xB #Flattr #Blogs #kachingle #fb #in [...]

  3. Tweets that mention Warum nicht Flattr? « kadekmedien's Blog -- Topsy.com - 7. Juli 2010

    [...] This post was mentioned on Twitter by Klaus-Dieter Knoll. Klaus-Dieter Knoll said: Der Matia @roskos sieht das genauso http://bit.ly/ajcOta Warum nicht Flattr? #Blogs #fb #in [...]

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