Privatsphäre und kein Ende

Die Verbraucherschutzministerin hat ihre Drohung wahr gemacht und ihr Facebook-Profil gelöscht. Man könnte meinen, es sollte wichtigeres als so eine Nachricht geben. Da es sich aber um eines der am gründlichsten missverstandenen Themen unserer Zeit handelt, eignet sich selbst eine Provinzposse, um Quote zu machen und Auflagen zu erreichen.

Im Gespräch mit The European sagt Frau Aigner: „Persönliche Daten, Nachrichten, Fotos, die den Usern gehören. Sie müssen jederzeit die Kontrolle über ihre Daten haben. Sie allein entscheiden, mit wem sie eine Information teilen möchten und mit wem nicht.“

Wieso sollten Persönliche Daten, Nachrichten und Fotos, die mündige User freiwillig publizieren, nicht auch der Öffentlichkeit gehören? Das ist, als benutzte man ein öffentliches Verkehrsmittel, wollte aber bestimmen, wer mitfahren, einen ansehen und über einen reden darf. Diese Auffassung von der völligen Kontrolle über private Daten ist so absurd, dass es sich nur um ein Missverständnis handeln kann.

Niemand kann sein eigenes Gesicht jemals sehen, bestenfalls sein Spiegelbild oder ein fotografisches oder anderweitig reproduziertes Abbild. Wem also gehört der Anblick des eigenen Gesichts? Das Recht am eigenen Bild bezieht sich auf das reproduzierte Abbild. Aber wem gehört der Anblick?

Ist meine Privatsphäre geschützt, wenn ich mit der U-Bahn fahre? Wenn zahlreiche Mitfahrende mich sehen können und sich möglicherweise über mich lustig machen? Und überhaupt, zeichnen die Überwachungskameras in den U-Bahnen auch auf? Und wenn ja, was geschieht mit dem Bildmaterial? Wer bekommt es zu sehen? Wie lange wird es aufbewahrt? Und wo? Wie sicher ist das Material an diesem Ort?

Mal abgesehen davon, dass einige Leute eine ebenso diffuse Auffassung von Privatsphäre haben, wie ein umfangreiches Schutz- und Kontrollbedürfnis derselben verspüren, lässt sich deren Aufgeregtheit nur durch unzureichende Aufklärung nachvollziehen. Ich hab sogar den Eindruck, gerade diejenigen, mit dem diffusesten Begriff von Privatsphäre treiben ihren Kontrollzwang gern mal ins Groteske. Da kommen Freundschaftsanfragen von völlig fremden Leuten, ohne Mitteilung warum und wieso, ohne gemeinsame Friends. Und will man sich auf deren Profil einen Eindruck verschaffen, heißt es, diese Person „teilt nur einige seiner Profilinformationen mit allen.“ WTF?!

Es gibt keine Privatheit in der Öffentlichkeit, das eine schließt das andere aus. In dem Moment, wo ein Mensch Informationen von sich öffentlich macht, verliert er die völlige Kontrolle darüber. Wer seinen Namen auf ein Klingelschild schreibt, kann doch auch nicht damit rechnen, dass es nur vom Briefträger gelesen wird.

Insofern entscheidet auch der Facebook-User, ob und wenn ja welche Informationen von sich er mit wem teilen mag. Natürlich sollte man sich zuvor wenigstens das Geschäftsmodell der Plattform ansehen. An die User gewendet lautet es: biete Publikationsforum mit Netzwerkmöglichkeit im Austausch gegen persönliche und private Informationen zum Weiterverkauf an die Werbeindustrie. Und an diese lautet der Deal: biete Target Marketing-taugliche User-Informationen gegen Geld.

Im schlimmsten Fall empfiehlt einem also eine Werbeanzeige die Rolling Stones, weil drei gemeinsame Friends die auch mögen. Herrgott noch mal, solange ich meine Wahrnehmung selbst kontrolliere und selbstbestimmt darüber entscheide, ob ich etwas mag oder nicht, denke ich mir meinen Teil in den Kategorien eines Klassikers der Band:

When I’m watchin’ my TV
And a man comes on to tell me
How white my shirts can be
I state he can’t be a man ’cause he doesn’t smoke
The same cigarettes as me
.

In diesem Sinne
herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
aka kadekMEDIEN

 

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Über kadekmedien

Ich gestalte Ihr Erscheinungsbild, erzähle Ihre Geschichte und bringe Sie nach vorn. Kommunikationsdesign, Content Creation, SMO.

9 Antworten zu “Privatsphäre und kein Ende”

  1. Danke, das spricht mir direkt aus der Seele.
    Wieviel davon darf ich zitieren?

  2. Hallo Björn,

    freut mich, dass Dir mein Beitrag gefällt :)

    Wenn Du dem Titel ein ‘reBlog from’ voranstellst und nicht alle Absätze nimmst (den einen oder anderen kann man ja durchaus vernachlässigen), darfst Du gern auch etwas mehr zitieren; natürlich mit Link zum Original-Post.

    Schöne Grüße,
    KDK

  3. Ein gelungener Beitrag zu einem echten Web Paradoxum. Bleibt zu hoffen dass sich die Wahrnehmung der Allgemeinheit schärft und empfindlich wird für Grenzen und Möglichkeiten im Web 2.0

  4. Schöner Beitrag. Endlich schreibt mal jemand wie es ist. Wenn ich nicht will, dass eine Information öffentlich wird, dann brauche ich sie ja nicht veröffentlichen. Es könnte alles so einfach sein….
    Wenn hier ein Flattr-Button wäre, hätte ich ihn geklickt.
    Gruß Thomas

  5. Danke Dir, Thomas. Das ist ein schönes Kompliment. :)

    Da ich meinen Blog aber eher als Kundenmagazin betreibe, in dem ich über berufliche Themen und was so über den Tellerrand hinausragt blogge, möchte ich damit kein Geld verdienen. Ich freue mich über jeden Leser, jeden Kommentator und jeden ReTweeter und über die zahlreichen, oftmals ungeahnten Möglichkeiten, die das Social Media – ihr alle also – mir als Einzelkämpfer eröffnet. Herzlichen Dank an alle!

  6. Volle Zustimmung!

    Ich bin inzwischen auch ein Freund der Transparenz geworden und vereinheitliche meine Web 2.0-Auftritte – sei es bei wordpress, posterous, twitter oder facebook.

    Was ich nicht der breiten Masse zugänglich machen und veröffentlichen will, poste ich nur über twitter oder passwort-geschützt bei wordpress. Darüber hinaus ist es meine Entscheidung – und auch meine Verantwortung.

  7. “Wieso sollten Persönliche Daten, Nachrichten und Fotos, die mündige User freiwillig publizieren, nicht auch der Öffentlichkeit gehören?”
    Das ist aber sehr schwammig formuliert. Sollte bei öffentlichem Eigentum die Information nicht der Allgemeinheit übergeben werden? Die Daten gehören Facebook und nicht der Öffentlichkeit! Wenn die Inhalte doch wenigstens und CC lizensiert werden könnten.
    = Urheberrecht

    “An die User gewendet lautet es: biete Publikationsforum mit Netzwerkmöglichkeit im Austausch gegen persönliche und private Informationen zum Weiterverkauf an die Werbeindustrie. Und an diese lautet der Deal: biete Target Marketing-taugliche User-Informationen gegen Geld.”
    Das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt bei Facebook durchaus die Möglichkeit, die Nutzung der persönlichen Inhalte für kommerzielle Zwecke zu unterbinden. Leider finde ich deinem Post nicht mal einen Hinweis auf diese Funktionen.
    = Privatspähre

    Das alles hat nichts damit zu tun, welche Inhalte man veröffentlicht.
    = Online Reputation Management

  8. Danke für Deine Kritik, Birger. – Wenn du aber das Geschäftsmodell von Facebook wenigstens als die “halbe Wahrheit” akzeptierst, weißt Du auch, warum FB das Weiterverkaufsrecht hat. Gehören tun die Informationen sehr wohl auch der Öffentlichkeit. Was Du irgendwo öffentlich lesen, kommentieren, zitieren kannst, befindet sich folglich in Deiner Verfügungsgewalt. Wüßte jetzt nicht, was daran “schwammig formuliert” sein soll.

    Da ich nicht über FB Funktionen zum Feinjustieren der Privatsphäre geschrieben habe, findest Du auch nichts darüber.

    Und stimmt, das alles hat auch nichts damit zu tun, welche Inhalte man veröffentlicht. Die Aussage meines Posts ist: mach Dir weniger Kopf um vermeintliche Privatsphäre, betreibe weniger Nabelschau, sei frei oder lass es bleiben. Denn das hysterische Geschrei derer, die dauernd davon reden, kommt mir so vor, als nestelt man in aller Öffentlichkeit alle drei Minuten an seinem Hosenschlitz, um sicher zu gehen, dass er auch zu ist.

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  1. Tweets that mention Privatsphäre und kein Ende « kadekmedien's Blog -- Topsy.com - 7. Juni 2010

    [...] This post was mentioned on Twitter by Klaus-Dieter Knoll, Lisa DaVinci, KMU am Eck, bestBUZZ, mein-spessart-media and others. mein-spessart-media said: Privatsphäre und kein Ende. http://bit.ly/aF2TFD Absolut lesenswert von kadekmedien. [...]

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