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Socialfail und der Kontrollverlust

Ein Gespenst wabert durchs Social Media und sein Name ist Kontrollverlust. Es ist polymorph, und wo immer es auftaucht, erschrickt es die Leute mit Erinnerungen an Vergangenes. Was vordergründig betrachtet eher harmlos wirkt, hat es in Wirklichkeit in sich. Es nutzt nämlich gnadenlos die Stärken des Internet für seine Zwecke aus – seine dezentrale Struktur und die immense Speicherkapazität. Nun hat es in Gestalt von socialfail.de ein neues Ärgernis produziert, wodurch sich vor allem kreative und produktive Social Media Evangelisten herausfordert fühlen.

»Das Internet vergisst nie«, ist ein häufig und oftmals allzu leichtfertig dahergeredeter Satz, der ein zweischneidiges Schwert meint. Eine einmal veröffentlichte Information ist dauerhaft abrufbar. Nicht wenige nutzen diesen Umstand zur Eigenwerbung und zum Aufbau einer Online-Reputation. Da es sich aber bei dieser Information durchaus auch um einen begangenen Fehler handeln kann, der auf unbestimmte Zeit für jedermann einsehbar ist, kann die Selbstdarstellung auch mal Schaden nehmen.

Das menschliche Bedürfnis, sich vor Zeugen zu verwirklichen, bringt Internetnutzer dazu, sich in Selbstorganisation zu vernetzen und Inhalte zu generieren, also Informationen von und über sich selbst untereinander zu verbreiten, miteinander zu teilen. Steigende Nutzerzahlen und deren ständiges Mitteilungsbedürfnis führen zu einer so großen Informationsdichte und einer so hohen Beschleunigung des Informationsflusses, dass die Lebensdauer der einzelnen Information dramatisch abnimmt. Die Vergänglichkeit des Augenblicks erweist sich hierbei als Segen – scheinbar jedenfalls, denn »das Internet vergisst nie«.

Der größte Schuft im ganzen Land…

Der Webservice socialfail.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, vermeintlich Lustiges, Unsinniges oder Peinliches aus den Statusmeldungen von Facebook, Twitter & Co. zusammenzutragen. Dazu ist die Plattform natürlich auf die Mithilfe williger Nutzer angewiesen, derer es allerdings ausreichend zu geben scheint. Und offenbar bereitet es einigen Leuten auch kurzweilige Freude, andere bedenkenlos zu denunzieren und öffentlich zu bewerten. Aber was soll’s? Auch das ist klassisches Social Media.

Das Gespenst Kontrollverlust tritt ja erst in dem Moment in Erscheinung, wo man mit seinen eigenen, längst vergessen geglaubten Äußerungen konfrontiert wird und möglicherweise Kompromittierendes darin entdeckt. Das kann einen als Betroffenen schon ärgerlich stimmen, zumal wenn sich die ins eigene Netzwerk publizierten Informationen verselbständigen, und wenn sich herausstellt, dass unter den eigenen Followern und Friends auch Neider und Hater sind.

Interessant ist, dass es betroffene Social Media Aktive gibt, die sich fragen, ob nicht etwa ihr Urheberrecht verletzt worden sei; die erörtern, ob man nicht mit juristischer Hilfe gegen so eine Denunziationsplattform vorgehen sollte. – Ja, was hat das denn nun wieder zu bedeuten?! Da klärt man alle Welt darüber auf, wie man im Social Media beispielsweise auf Kritik reagiert und das die juristische Keule möglichst gar nicht geschwungen werde, und kaum erleidet man selbst einen Kontrollverlust, liebäugelt man mit dem Anwalt?

Lassen wir doch die Kirche im Dorf

Ich halte es in dem Zusammenhang für wichtig, zwei Dinge herauszuarbeiten. Erstens, man erleidet den Kontrollverlust nicht erst, wenn man ihn wahrnimmt, sondern schon viel früher. Genau genommen ist Kontrollverlust in sich selbst organisierenden Netzwerken immanent. Bereits wenn ich eine Äußerung vor anderen auch nur in Erwägung ziehe, plane ich mindestens unbewußt den Kontrollverlust mit ein.

Wenn beispielsweise jemand auf einer Party eine Posse reißt und jemand anders, der das hört, gibt es tags darauf seinen Bekannten in einem Café wieder, findet Kontrollverlust über das von uns Gesagte statt. Es kann sogar sein, dass die ursprüngliche Äußerung – von der »stillen Post« des sozialen Netzwerks verzerrt – ihren Weg zu uns zurückfindet und uns dann erschrickt. – Wenn das Gleiche im Internet stattfindet, ist das einzig Andere daran, dass es aufgrund der aufgezeichneten Menge an Statusmeldungen und wegen ihrer dauerhaften Abrufbarkeit öfter und vor größerem Publikum vorkommen kann.

Zweitens sind meiner Meinung nach die publizierten Statusmeldungen im Internet eher vergleichbar mit dem im öffentlichen Raum gesprochenen Wort als mit einer urheberrechtlich geschützten Publikation. Klar, ich habe ein Recht am eigenen Bild, und niemand, der mich im öffentlichen Raum so fotografiert hat, dass Bekannte mich auf diesem Foto mühelos identifizieren könnten, dürfte es gegen meinen Willen veröffentlichen. Weshalb also sollte es nicht auch ein Recht am eigenen Wort geben? – Weil die Kirche ins Dorf gehört, wäre meine spontane Antwort darauf.

Was ist denn schon dabei, wenn ein paar Kleingeister Vergnügen daran finden, in irgendeiner Schmuddelecke des Internet ihre Missgunst und Häme auf Kosten anderer zu befriedigen? Webservices wie socialfail.de sind nichts wirklich Neues. Beispielsweise hat SMS von gestern Nacht aktuell 102.624 Fans auf Facebook. Und auch andere stellen immer wieder die ihrer Meinung nach lustigsten oder hässlichsten Internetseiten zu Schau. – Man muss sich doch nicht daran beteiligen und kann trotzdem anderen ihren Spaß gönnen.

Kontrollverlust ist zwar unvermeidbar, führt aber nicht automatisch auch zum Verlust der eigenen Souveränität. Solange man nämlich eigenverantwortlich handelt und sich selbst in Bezug auf andere nichts vorzuwerfen hat, kann man auch jederzeit ganz gelassen bleiben.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

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  1. 25. Mai 2010 um 10:15 | #2

    mein ganz persönlicher kontrollverlust äußert sich zurzeit recht deutlich, mit zunehmender überflutung registriere ich [endlich] ein völliges desinteresse an der von irgendwelchen meinungen [und meinungsmachern] losgetretenen, individualperspektivischen vermutungen. ich bewundere dein engagement, dich immerwieder für themen zu erwärmen, die, wieauchimmer sie sich entwickeln mögen, keinen einfluss auf die persönliche befindlichkeit haben. mich interessiert der ganze meinungskundgebungsquatsch schon lange nicht mehr .. ich brauche eine neuorientierung [weg von der tiefencodierung S/M], brauche einen kontrollverlust!

    der kopf muss durch die decke in die nächste bewußtseinsstufe: wir einzelkämpfer müssen das immerselbe ungewinnbare spiel des von organisierten walfängern, PR-haien und interessensschwärmen dominierten meinungsaquariums durchbrechen – eine metamorphose des ICH muss her, ein landgang in eine andere, spirituelle bewußtseinsdimension ..

  2. 25. Mai 2010 um 18:43 | #3

    Ich persönlich glaube eher an eine Chaostheorie.
    Es gibt in der Gleichung des Lebens einfach zu viele Unbekannte.
    Solange ich nicht von irgendwem kontrolliert werde …,
    mit dem Verlust von Kontrolle habe ich kein Problem, glaube nicht an sie.
    Was die „Anderen“ von uns denken könnten, auch das ist nicht wichtig,
    unser Einfluss darauf ist sehr begrenzt, denn wie man so schön sagt:
    „Man kann es nicht jedem recht machen.“ Wer will das schon.
    Sicher bewege ich mich oft auf Neuland, mit dem was ich ausprobiere und weiß oft erst im nachhinein, was ich hätte besser machen können. Im Internet hat man besonders auf den Social-Portalen einem Zugang zu gerade Gedachtem oder zu Ideen im Anfangsprozess, manchmal erahnt man, da könnte sich etwas entwickeln, was auch mir gefallen könnte oder man bekommt die Chance sich an etwas zu beteiligen und das finde ich interessant.
    Mit all jenen, die das nicht kapieren und denen die dumm sülzen, breche ich auch im Internet schnell den Kontakt wieder ab.
    Beschäftigte ich mich viel mit all den Zweiflern und Widersachern, dann würde ich gewiss vieles in Frage stellen und meine Energien auf das Destruktive verschwenden. Letztlich käme ich weder zeitlich noch von der Aufmerksamkeit zu dem was mein Herz mir rät zu tun. Selbst auf das Risiko hin, das „Keiner“ gefällt anklickt.

  1. 25. Mai 2010 um 08:27 | #1
  2. 26. Mai 2010 um 15:50 | #2