Ein Narr, wer sich über Werbeblocker wundert

In letzter Zeit wunderten sich einige Autoren über den Einsatz von Werbeblockern. Einige Blogger griffen das Thema auf und konterten. Und auch bei Carta, wo es eigentlich darum ging, neue Werbemodelle für Onlinemedien zu finden, fand sich ein Kommentar voller Verwunderung darüber, dass User Werbung so massiv ablehnen. – Ich hingegen frage mich, wie man sich darüber wundern kann? Ich kenne wirklich niemanden, der sich für Werbung begeistern kann, der sie nicht lieber blockierte als einfach nur hinzunehmen.

Seit Werbung nicht mehr Reklame heißt, spätestens aber mit dem Einzug der privaten Fernsehsender in die Medienlandschaft ist Werbung das ungeliebte Kind der Medienproduktion. Und je mehr davon dem Rezipienten zugemutet wurde – und wird, desto weniger Gegenliebe erfährt sie. Was ist daran verwunderlich oder wenigstens neu?

Die Menschen mögen Inhalte, und zwar vorzugsweise solche, die ihren Interessen entgegenkommen. Deshalb heißt es ja auch Content Is King und nicht Advertising Is King. Dafür gibt es sogar eine Analogie: mit der Werbeunterbrechung im Fernsehen kam das Zappen auf. Und als Radiosender sich entschlossen, zum Dudelfunk zu mutieren, entzogen sie ihrem Content den Nutzwert. Radio verwandelte sich so zum Hintergrundgeräusch des Alltags, und damit die Werbung beim Nebenbeihören nicht etwa unterging, drehten die Sender sie besonders lautstark auf. – Und seit das so ist, höre ich beispielsweise gar kein Radio mehr – also seit mindestens fünfzehn Jahren.

Und auch gedruckte Werbung nervt. Irgendwann konnte die Druckindustrie vierfarbige Werbeprospekte so günstig produzieren, dass die Briefkästen begannen davon überzuquellen. Und seitdem gibt es kaum noch einen, an dem nicht ein Aufkleber „Keine Werbung“ fordert – was oft genug missachtet wird.

Was das angeht, weht hier in Berlin ein etwas rauerer Wind, da die Geduld des Großstädters in etwa so lang ist, wie der berühmte kurze Prozess. In den meisten Häusern befindet sich unmittelbar unter den Briefkästen ein Behälter für Werbung. Das ist so eine Art Zwischenlager auf dem Weg zum Altpapier…

Einige Werbetreibenden halten sich für besonders clever und lassen die Prospekte in Folie einschweißen, vermutlich in der Annahme, dass man sie aufreißen muss, bevor die Werbung entsorgt werden kann. Völliger Unsinn das! Berliner lassen sich nicht von Folien aufhalten. Die Werbung könnte sogar in eine Blechdose eingeschweißt sein, sie flöge direkt aus dem Briefkasten in den Müll.

Aufmerksamkeit ist ein zu kostbares Gut, um an es Werbung zu vergeuden

Einige Kommentatoren offenbaren nun, dass sie die Rechnung ohne Wirt gemacht haben. Klar, können einige Angebote ohne Werbeeinnahmen vermutlich nicht mehr aufrechterhalten werden. Aber wo ist das Problem? Webseitenbetreiber, die so argumentieren, bieten doch primär gar keinen Inhalt an, sondern Werbeflächen. Und diese bieten sie auch nicht ihren Nutzern, sondern der Werbeindustrie. Der Inhalt wird doch nur nachrangig produziert, um die der Werbewirtschaft versprochene Fläche für eine bestimmte Zielgruppe zu erzeugen.

Die Werbewirtschaft hat es jedoch übertrieben, um die Aufmerksamkeit der Nutzer um jeden Preis vom eigentlichen Inhalt auf die Werbung zu lenken. Auf der Suche nach interessantem Inhalt haben die Nutzer nun keine Lust mehr, sich von aufdringlich blinkenden Flash-Bannern, unangenehmen Geräuschen, Pop-Ups, Layer-Ads und dergleichen mehr überrumpeln zu lassen. Sie installieren einen Werbeblocker und gehen weiter ihren Interessen nach. Aufmerksamkeit ist schließlich ein zu kostbares Gut, um es an Werbebanner zu verschwenden.

Das Geschäftsmodell der Betreiber geht also nicht (mehr) auf. Anstatt jedoch gemeinsam mit der Werbewirtschaft nach funktionierenden Modellen zu suchen, werden die Nutzer beschuldigt, egoistische Spielverderber zu sein. Die Nutzer! Also jene, ohne die gar nichts geht. – Als wäre es von edlem Gemeinsinn mit falschen Versprechen zu locken, etwa dass Inhalte besonders hochwertig wären. Woran merkt man das eigentlich?

Und darum noch mal die Frage: wo ist das Problem, wenn einige sich nicht tragen können? Das nächste vergleichbare Angebot ist immer nur einen Klick weit entfernt. Vielleicht sind andere Betreiber kreativer und finden eine tragfähige Lösung für ihr Geschäftsmodell, während sie ihren Nutzern vorrangig Inhalte statt aufdringlicher Werbebanner anbieten.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

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Über kadekmedien

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8 Antworten zu “Ein Narr, wer sich über Werbeblocker wundert”

  1. Radio höre ich immer noch, WDR5 ein Sender ohne Werbung, informierend, kritisch, politisch.

    Ansonsten stimme ich mit Dir überein, akzeptiere aber Werbung, wenn sie nicht nervend blinkt, als Flash-oder Video-Animation unaufgefordert startet. Solche Seiten klicke ich in der Regel sofort weg. Wenn jemand seine Seite finanziell mit Google-Anzeigen oder anderer ‘dezenter’ Werbung unterstützt, so kann ich das akzeptieren, obwohl mein Blocker im Kopf das quasi ausblendet.

  2. Ergänzung. Gerade CARTA ‘Was wohl kommen wird: “Netz-Schengen” – die große Firewall des Westens’ gelesen. Da akzeptiere ich auch blinkende Werbung. ;-)

  3. Danke, Herbert, für diesen Kommentar. – Google’s Textanzeigen, die Facebook-Ads sowie einige andere Ausnahmen lasse ich durch meinen Werbeblocker durch. Die nerven auch weniger bis nicht – die Google Textanzeigen sehe ich sogar als unverzichtbare Ergänzung zu den “natürlichen” Suchergebnissen. Alles andere ist einfach irgendwann einmal zuviel geworden…

  4. rundum gut zusammengefasst!
    menschen unterschiedlicher art für unterschiedliche dinge zu motivieren, ist eine komplexe und anspruchsvolle aufgabe. um das zu umgehen und sich die arbeit zu sparen, schütten die meisten werbetreibenden [und werbeberater] einfach den eimer der statistik vor die füsse ihrer kunden, schweißen 4farbbroschüren in folien, lassen es blinken und ploppen wo es nur geht .. einige prozent [krümel] bleiben immer hängen und den meisten reicht das, den altersschwachen gaul des direkt-marketings niewieder zu wechseln.

    es geht auch anderes, und manche gehen diesen weg – werbung muss spass machen und in irgendeiner form bereichern. der ganze appell-promi-teaser-blink-quatsch wirkt schon lange nicht mehr, wer darauf reinfällt, lässt sich auch eine arbeitsunfähigkeitsversicherung andrehen, die bekanntlich einen trojanischen kleingedrucktensondervertrag enthält, welcher dem versicherten im falle eines falles nicht die geringste chance auf vertragserfüllung einräumt ..

    vielleicht sollten wir mal einewochelang sämtliche weggeschmissenen briefkastenverstopfer im kiez zusammentragen und daraus eine kleine kunstaktion machen, ein werbebroschürenverbrennungshappening, mit umtrunk und so ;))

  5. AUFMERKSAMKEIT IST EIN KOSTBARES GUT…

    Zufriedenstellende, lehrreiche, interessante, wissenswerte und phantasievolle Informationen und Inhalte das erachte ich für wünschenswert.

    “Content Is King” kann ich nur befürworten.

    Die Ablenkung durch Werbung ist leider viel zu hoch, auch wenn man sich nichts vormachen lassen möchte, sich wehrt gegen die Gedankenmanipulation, nimmt das Ausblenden, das Aussortieren, das Wegzappen und und und – viel zu viel kostbarer Zeit in Anspruch, die man sinn- und freudvoller nutzen könnte.

    Ein Werbebroschürenverbrennungshappening, eine Idee des Lokalreporters, die ich im ersten Moment ganz gut fand, stellte sich jedoch bei genauerer Überlegung in meinen Augen als eine Katze, die sich in den Schwanz beißt heraus. Man drehte sich im Kreis, bliebe beim Thema, auch in der Ablehnung. Also ein Happening mit einem Thema, für etwas, statt gegen etwas würde mir persönlich mehr zusagen.

    Dank an kadekmedien für den Post.
    Besonders über Dudelfunk musste ich schmunzeln, denn das Gedudel aus dem Radio im Nachbarraum nervte, während ich den Post las sehr und ich dachte: genau ;o(

    Johanna Zentgraf – Dakini der Baumwesen

  6. johanna – ein tägliches verbrennungshappening sämtlicher postkastenbroschüren könnte sich langfristig gesehen vielleicht doch zu einer fruchtbare idee entwickeln – als statement pro broschürenfreie werbung .. katzen sollten sich dabei nicht in den schwanz beißen, da pflichte ich dir bei :-))

  7. @Johanna

    Die Idee eines Werbemittelverbrennungshappenings hat immer so ‘n G’schmäckle, wie der Schwabe sagen würde. Man müsste etwas Aufmerksamkeit widmen, das es einem eigentlich nicht wert erscheint… Geht man jedoch etwas tiefer – wie der lokalreporter – offenbart sich tatsächlich eine fruchtbare Idee: das ritualisierte Konsumieren von Werbung. – Noch dazu, wo doch der vernichtende Aspekt nach Nachschub verlangt. Das ist gut für die Werbeproduzenten (z.B. für Grafiker, Werbeagenturen, Druckereien und Verteiler) und gut für den Werbetreibenden (wegen des durchaus auch medial verwertbaren Wiederholungseffekts – stellt euch nur mal die Klickraten auf YouTube vor…).

Trackbacks/Pingbacks

  1. hyperkontext | Weblog - 19. Mai 2010

    Hand drauf: Werbeblocker brauchen wir…

    Liebe Zeitungsverleger und Marketender: Nehmt Euren Zeigefinger runter! Und das schnell und sofort. Ich sehe mir kein vertrotteltes Banner-Gezappel an. Punkt….

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