Irgendwas mit Kompetenz

Ich fang mal so an: als Mediengestalter kenne ich das zur Genüge; besonders wenn ich an die Zeit denke, bevor ich mich selbständig machte und in kleineren Full-Service-Agenturen arbeitete. Da wünschten sich Kunden nicht selten haarsträubende Verschlimmbesserungen (wie beispielsweise den eigenen Namen auf der Visitenkarte in Bild-Schlagzeilengröße zu setzen), die eigentlich nur den einen Schluss zuließen, dass sie keinerlei Vertrauen in die fachliche Kompetenz des Anbieters ihrer Wahl hatten.

Diese niederschmetternde Erfahrung nahm epidemische Züge an, je massentauglicher die Computertechnologie wurde. Spätestens ab dem ersten ALDI-PC entdeckte jeder der Lust darauf hatte, den Designer in sich. Sämtliche Farben des Regenbogens rotierten in einer einzigen Überschrift. Die Werbebotschaft der örtlichen Entrümpelungsfirma umfasste zwar nur drei Sätze auf dem DIN-A5-Flyer, dafür ließ sie sich prima in neun verschiedenen Schriftarten hervorheben. Und ich bekomme heute noch gelegentlich E-Mails mit gefühlten fünfunddreißigtausend zappelnden Smileys im Footer.

Was ich sagen will ist, der technologische Fortschritt hat unter anderem das Design demokratisiert. Beuys hatte Recht, jeder ist ein Künstler, und DADA ist anscheinend seine Blaupause. Das kann man gut finden oder auch nicht, aber es lässt sich auf jeden Fall nachvollziehen. Computertechnologie ist erschwinglich, wirkt einladend und lässt sich intuitiv bedienen. Die Ergebnisse allerdings muss man nicht immer mögen.

Und mit dem Medienwandel und der Popularität von Social Media macht nun auf einmal das Wort „Medienkompetenz“ bzw. – noch etwas schöner – „Mediennutzungskompetenz“ die Runde. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass außerhalb Deutschlands irgendwer auch nur einen einzigen Gedanken an soviel piefige Redundanz verschwendet oder es zumindest versucht. Es muss einem schon verdammt gut gehen und elend langweilig sein, um es doch zu tun.

Während ich Thomas Pfeiffers Versuch einer Definition noch dahingehend verstanden habe, sich vor allem an die im Medienbusiness professionell Aktiven zu wenden, um ihnen ein Verständnis für ihr Arbeitsumfeld zu vermitteln, bezieht Uwe Knaus’ Forderung „Kommentare gehören unter das jeweilig Posing“ (er wird „unter den jeweiligen Post“ gemeint haben…) einfach alle ein, die irgendwas mit Medien…

Ich meine, was bitteschön kommt eigentlich als nächstes? Etwa der Führerschein fürs Zeitunglesen oder wenigstens ein Idiotentest für die richtige Nutzung der Fernbedienung? Ich kenne nämlich Leute, die kriegen damit eine Bierflasche auf. – Aber Spaß beiseite, obwohl ihm die dezentrale Struktur des Internet bekannt ist, widerspricht Herr Knaus in den Kommentaren meiner Auffassung, die Nutzung diverser, die Hyperdistribution von Inhalten fördernden Tools und Kommentarfunktionen habe etwas mit Kompetenz zu tun.

Wenn also jemand da draußen einen Artikel im Google-Reader liest und dort auf „mit Kommentar veröffentlichen“ klickt, um es mit einem Kommentar öffentlich zur Verfügung zu stellen, handelt er komplett inkompetent. Einige Leute vermuten sogar Feigheit dahinter.

Nicht feige hingegen, sondern geradezu mustergültig kompetent handelt beispielsweise SPIEGEL Online, die gar nicht erst eine Kommentarfunktion unter ihren Artikeln anbieten, sondern stattdessen die öffentliche Diskussion ins geschlossene System ihres Forums verlegen, in das man sich selbstverständlich zuerst einloggen muss, bevor man seinen Senf dazugeben kann. – Inkompetenten Mediennutzern wie mir, die sich gern ein paar unnütze Klicks ersparen und stattdessen im Sidewiki kommentieren, mangelt es an Einsicht und Verantwortungsbewusstsein.

Glücklicherweise bin ich nicht allein im Club der Feigen und Inkompetenten. Alle, die schon mal einen Link zu einem Artikel mit einer persönlichen Bemerkung – und sei es nur der Hashtag #fail gewesen – vertwittert haben, leisten mir wohl oder übel Gesellschaft. Erst recht natürlich die Contentdiebe, die ganze Absätze aus fremden Blogs in ihr Posterous kopieren und womöglich mit einem eigenen Kommentar versehen.

Ich schätze, sogar Tante Edith ist zu blöd, die bei ihrem Orthopäden ausliegenden Fachzeitschriften kompetent zu nutzen. Sie hat nämlich letztens ein dort gelesenes Backrezept ausprobiert, was ihr so gar nicht gelingen wollte. Aber anstatt sich in einem Leserbrief an die Redaktion zu beschweren, dass die Mengenangaben für Mehl und Butter nicht stimmten, musste ich auf meinen Sonntagnachmittagskuchen verzichten und mir auch noch ihr Lamento anhören.

Mediennutzungskompetenz. – Wer maßt sich eigentlich an, so etwas zu definieren?! Und wozu? Angst vor Freiheit? Vor „Ich-Erschöpfung“? (Und nein, ich nehme jetzt nicht auch noch diesen an Unsinn nicht zu überbietenden Begriff auseinander…)

Dabei es ist gar nicht so, dass so etwas wie Medienkompetenz nicht benötigt würde. Ich denke da etwa an die Heerscharen von Vortragenden, die landauf landab ihr Publikum mit PowerPoint-Präsentationen zu Tode langweilen. Die wird der Herr Pfeiffer im Sinn gehabt haben, als er überlegte, bei der Vermittlung von Medienkompetenz müsse auch auf die Frage „Wie erzählt man eine Geschichte?“ eingegangen werden.

Anstatt jedenfalls unser Land öffentlich mit so viel Kleingeist zu überziehen, empfehle ich denen, die wirklich an Mediennutzungskompetenz interessiert sind, sich besser hier zu engagieren.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

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Über kadekmedien

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2 Antworten zu “Irgendwas mit Kompetenz”

  1. ich-erschöpfung ist ein wunderbares wort, und auch die redundanz nistet sich gerne in polemisierende texte ein .. wenn ich ehrlich sein soll, würde ich dem artikel ein nutzungskompetentes lifting verpassen ;))

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  1. uberVU - social comments - 26. Februar 2010

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