Der große Social-Media-Erfolg oder Nichts genaues weiß man nicht
Manchmal hab ich den Eindruck, die Hohepriester der magischen Kanäle erzeugen bewusst mit ihren als Aufklärungsarbeit getarnten Publikationen Verwirrung beim Rezipienten, schüren Ängste, bekämpfen sich untereinander und/oder sprechen anderen schlicht die Kompetenz ab, moderne Medien richtig nutzen zu können. Dieses scheinbar paradoxe Verhalten haben sie übrigens mit allen Hohepriestern sämtlicher Kulturen und Religionen gemeinsam, schließlich handelt es sich um eine Machtfrage.
Wer in der Lage ist zu Gott zu sprechen, durch den spricht Gott auch zu anderen. Zum Beweis dieser Fähigkeit reicht es schon, einige Verse mit ernster Miene und in einer unverständlichen Sprache aufzusagen, gerne auch mit rituellen Gesten unterlegt. In unserer schnelllebigen Zeit verzichtet man allerdings auf das Tragen allzu dramatischer Kostüme – wobei, mit etwas Häme könnte ich das auch schon wieder als Tarnung auslegen…
Da liest ein Don Alphonso in der FAZ den „Schelmexperten“ die Leviten, die ihre Kunden ein Stück des Weges zum Ende des Regenbogens begleiten möchten. Und prompt antwortet ein @robgreen auf seinem Blog, das Gold sei sehr wohl dort vorhanden, nur der Weg dahin besonders trickreich.
Zugegeben, mein Kunststück besteht auch nur darin, wahllos die Rosinen aus dem vorgefundenen Kuchen herauszupicken, um sie öffentlich zu verkosten. Aber meine Absicht ist eine andere. Anstatt zu verwirren, möchte ich über die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten im Social Media aufklären; anstatt Ängste zu schüren, möchte ich sie nehmen und stattdessen zur Teilnahme ermuntern.
Was es aus meiner Sicht zu Don Alphonsos Pamphlet zu sagen gibt, habe ich bereits gesagt, wiederhole es aber der Sache wegen gerne auch hier. Obwohl der Autor in den allgemein neophoben Tenor der FAZ einstimmt und alle mit Social Media assoziierten Möglichkeiten als verlogenen Hokuspokus darstellt, enthält sein Text einen wahren Kern, der aber wiederum nichts zur Sache tut, weshalb Robert Basic sie auch aus einem anderen Blickwinkel beleuchtet.
Social Media ist kein Wochenmarkt
Um es jedoch auch einmal deutlich auszusprechen: Social Media eignet sich nicht – und zwar gar nicht – für den schnellen Abverkauf von Waren, auch nicht für die rasche Kundengewinnung. Wer als Social-Media-Berater oder „Experte“ so etwas verspricht, handelt unlauter, täuscht seine Kunden oder macht sich möglicherweise selbst etwas vor.
Social Media ist die Sphäre im Internet, wo Menschen einander begegnen, um zu kommunizieren. Sie tun es über Raumgrenzen hinweg, sowohl stationär als auch mobil, in Echtzeit oder zeitversetzt, einzig und allein um miteinander in Verbindung zu treten und Beziehungen untereinander zu pflegen. Das sind ideale Voraussetzungen zur Selbstdarstellung, um beispielsweise an einer Online-Reputation zu arbeiten, die letztlich auch Werbung sein kann und also dem Marketing dient.
Es stimmt, wenn Don Alphonso schreibt, die Aktiven im Social Media sind alles andere als kritiklose Konsumenten, die nichts lieber täten, als jemandes Produkt, Marke oder Dienstleistung zu empfehlen, so man mit ihnen in Dialog tritt. So etwas zu glauben ist Humbug. – Wenn ich meinen Freunden eine Marke empfehle, dann nicht etwa, weil ich die Marke mag, sondern meine Freunde.
Social Media ist aber ebenso gut mediale Kommunikation, über die Kundenbeziehungen gepflegt werden können. Es ist sehr wohl möglich, Neukunden zu gewinnen, indem man Kontakte knüpft und durch Kommunikation eine Vertrauensgrundlage erwirbt, auf der sich eine spätere Geschäftsbeziehung aufbauen lässt. Dabei ist es nicht einmal zwingend erforderlich, dass ein Unternehmen sich direkt und in Echtzeit am Dialog beteiligt. Es reicht durchaus, seine Positionen ins Gespräch einfließen zu lassen. – Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dieser Prozess kurzfristig zu messbaren Erfolgen führt.
Le ROI c’est moi
In diesem Zusammenhang den viel gepriesenen Return-on-Investment (ROI) als Gradmesser für wirtschaftlichen Erfolg anzuführen, wie Don Alphonso es tut, ist also, wenn nicht unbedingt verkehrt, so doch auf jeden Fall verfrüht. Ein Engagement im Social Media – beispielsweise bloggen – kann nämlich sehr wohl auch, wie Robert Basic schreibt, die Kosten für die Suchmaschinenoptimierung verringern. Und das ist nur ein Beispiel für Kosteneinsparung, was ja auch schon ROI bedeutet.
Ein ganz anderes Beispiel – nämlich die Magie der viralen Ausbreitung – bringt Thomas Knüwer ins Spiel und gibt sehr wohl zu bedenken, dass clever durchdachte Strategien den erhofften ROI im Social Media sogar übertreffen könnten. Ein Video zu produzieren, auf YouTube hochzuladen und es sich dort weitgehend selbst zu überlassen, ist natürlich keine Option. Das viel gepriesene Teilen als wesentlicher Kern des Social Media ist eine aktive Handlung – und von nichts kommt nichts.
Wenn also in der FAZ immer wieder gegen das Internet polemisiert wird, um diffuse Ängste zu schüren und reale Befürchtungen zu bestärken, kann das nur bedeuten, dass diese renommierte überregionale Tageszeitung den mit dem Medienwandel assoziierten, unweigerlich auf sie zukommenden Schaden dadurch abzuwenden versucht, ihrer Leserschaft nahe zu legen, sich möglichst fern zu halten von dieser teuflischen Technologie. FAZ lesende Unternehmer, Selbständige und Entscheider, die ein Engagement im Social Media aufgrund solcher Desinformationskampagnen hinauszögern, fügen ihrer Unternehmung einen beträchtlichen – jetzt ebenfalls noch nicht absehbaren – Schaden zu, den Michail Gorbatschow in seinem viel zitierten Bonmot zusammenfasste: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment
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virale ausbreitung und empfehlungen und glaubwürdigkeit und miteinander und grüppchenzwang und bashing und die very early adopters, die das internet erfunden haben und sich in mutmaßungen gegenseitig anfrotzeln .. und ihr konvergierendes barcampverhalten .. und don alphonso und seine zahlreichen ihn beneidenden fans .. und ehemalige redakteure, die endlich befreit von der last regelmäßiger einkünfte als berater durchs land jetten .. und PR-leute die alles wissen und sich zuallererst über ihre eigene webreputation gedanken machen .. und andere, böses blut schürende wespen mit anliegen .. und überhaupt.
die große kunst des werbens besteht ja darin, seinen kommunikativen partner genau zu kennen und ihm je nach absicht, neue perspektiven anzutragen, egal, ob der kanal nun tageszeitung, plakatwand, TV, radio oder facebook heißt .. die allesentscheidende frage lautet: wie mache ich aus friends freunde? nur durch emotionale bindung entsteht vertrauen – und obwohl das ein alter hut ist, weiß das noch lange nicht jeder. social media-aktivitäten bedeuten eine langfristige kundenbindung, das ist der punkt .. danke für deinen anregenden text!
Wie schon so oft spricht aus diesem Artikel die Aufforderung nach „Bodenhaftung“ und weniger Schwarz-Weiß-Sicht, sowohl auf Seiten der Fans als auch der Gegner von Social Media. Gut so!
Eines der unzähligen Problemchen ist sicher, dass im Überschwang der Gefühle ein Hype ausgelöst wurde, der von Fakten noch nicht so wirklich untermauert ist. U.a. auch deshalb, weil die Ergebnisse nicht immer wirklich messbar sind und ein Social Media Engagement langfristig bzw. zeitlich unbegrenzt angelegt ist.
Wenn mich B2B-KMU fragen, was sie in diesem Bereich tun sollen, rate ich ihnen, auf der großen Bühne Platz zu nehmen und zuzusehen. Das gibt wichtige Hinweise auf mögliche eigene Aktivitäten und zeigt die Fehler anderer auf. Sie werden mittelfristig keinen Cent Umsatz verlieren, nur weil sie noch nicht aktiv teilnehmen. Und Sie werden durch eine sofortige Teilnahme keinen Cent gewinnen, weil viele Zielgruppen solcher Unternehmen dort noch gar nicht vertreten sind.
Social Media ist eh nicht aufzuhalten (auch nicht von der FAZ), weil die nächste Generation (auch der Marketing- und Einkaufsverantwortlichen) schon ganz selbstverständlich damit umgehen wird. Und irgendwann wird sogar der mittelständische Ölschlamm-Vertrieb seine Facebook-Seite haben … vielleicht.
Bis dahin: Relax, take it easy. Am besten mit beiden Füßen auf dem Boden.
Du sprichst mir aus der Seele! Das neue PR-Gebrabbel selbsternannter Experten, die jetzt auf den nächsten Zug versuchen aufzuspringen nervt genauso wie das verteufeln der neuen Wege und Kanäle.
Und die Mehrwerte von Social Media den KMU, Brands, Kunden näher zu bringen ist unsere Aufgabe. Ein schwieriges Unterfangen. Denn nach jahrelanger Penetration reden alle vom RoI und Sales und Leads. Dass Social Media Marketing ist und dem langfristigen Markenaufbau dient, will nur schwer in die Köpfe rein.
Und dass man dabei dann auch noch offen und ehrlich vorgehen muss – schwierig schwierig.
Aber Artikel wie dieser helfen!