Offen wie ein Buch

Inspiriert durch einen Blogpost von Jeff (nicht der schon wieder) Jarvis habe ich kürzlich meine Privatsphäreeinstellungen auf Facebook so eingestellt, dass meine gesamten Profilinhalte allen zugänglich sind. Und ich sage Euch auch warum.

Ursprünglich hatte ich mal eingestellt, dass meine Freunde sowie Freunde von Freunden alles sehen konnten. Fragt man mich heute nach dem Grund, habe ich wahrscheinlich immer noch genauso wenig Ahnung wie zu dem Zeitpunkt, als ich diese Einstellung vornahm. Ich hatte in etwa so gedacht: „Alle“ sind mir ein bisschen viele und „nur meine Freunde“ schließt ja das Untereinander-Teilen interessanter Inhalte aus und somit womöglich auch neue Kontakte zu interessanten Menschen. Das schien mir meine Vorstellung von einem Social-Media-Netzwerk zu unterlaufen.

Nachdem Facebook die Privacy Settings geändert und Mark Zuckerberg das Ende der Privatsphäre deklariert hatte, sah ich mich beflissen, ihm mit kindischem Trotz den Finger zu zeigen und nahm die denkbar restriktivsten Einstellungen vor.

Wie sinnlos das wirklich ist, wurde mir nicht sofort nach der Lektüre von „Das Deutsche Privatsphäre-Paradox“ klar. Im Gegenteil, ich verlinkte den Post in mein Profil mit der Bemerkung, dass Hinken das Vorrecht des Vergleichs sei, da es eine Sache ist, sich nackt in eine öffentliche Sauna zu begeben, und eine gänzlich andere, ein Video vom Saunabesuch ins Internet zu stellen.

Tags darauf entspann sich eine Unterhaltung zwischen einer österreichischen Schauspielschülerin und mir, die sich über drei verschiedene Threads und etliche sehr persönliche Kommentare zog. Je mehr ich der jungen Dame im Interview beantwortete, desto bewusster wurde mir, dass all meine Friends mitlesen konnten – auch jene, die mir „nur“ übers Social Media bekannt oder sogar Kunden und andere Geschäftsbeziehungen sind.

Für einen Augenblick war ich geneigt, sämtliche Kommentare wieder zu entfernen, und ich hatte sogar schon den Mauszeiger auf „Löschen“ bewegt – da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren! – Wie schräg ist das eigentlich, seine privaten Informationen in ein öffentliches Profil einzustellen, dass man unter Verschluss hält?!

Ich meine, was zum Teufel steht eigentlich in meinem Profil, was die Welt nicht wissen darf? Meine Interessen etwa, die man beispielsweise auch hier erkunden kann? Oder welchen Sinn macht es, meine Lieblingsbücher zu verstecken, wenn ich sie hier öffentlich herzeige? Und sowohl von meiner Website als auch von meiner Art&Events-Autorenseite will ich ja geradezu, dass die ganze Welt erfährt! Ich beantworte sogar öffentlich anonym gestellte Fragen (es fragt nur niemand was). Na, und meine Handynummer kriegt man locker auch übers Impressum meiner Website raus. Also, was soll das alberne Gehabe?!

Bleiben nur meine sagenumwobenen Posts, die eventuell noch des Schutzes bedürften. Aber tun sie das wirklich? – Ich twittere tagein tagaus so ziemlich alles, was mich beschäftigt und berührt; einiges davon landet auch auf Facebook. Wieso sollte ich es ausgerechnet dort verbergen, wenn es doch von Twitter über Mr. Wong über FriendFeed über MyBlogLog über MyON-ID sowieso die ganze Internetgemeinde erfährt?

Ich poste nichts, was niemand wissen soll. Private Dialoge führe ich selbstverständlich per Chat und Mail. Aber ich poste durchaus auch Persönliches an anderen öffentlich einsehbaren Stellen im Internet, und die wirklich intimen Sachen gibt’s hier ;)

Solange die Informationen andere Menschen betreffen und deren Privatsphäre verletzen könnten, würde ich sie keinesfalls veröffentlichen. Das steht mir nicht zu und ich bin mir meiner Verantwortung diesbezüglich durchaus bewusst. – Was jedoch mich angeht, so bin ich doch gerade mit der Absicht im Social Media aktiv geworden, mich der Welt mitzuteilen. Meine öffentlich gedachten Beiträge nur einem exklusiven Personenkreis vorzubehalten, ist in etwa so schlau, als kaufte ich meine Schuhe ausschließlich für den Schrank.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

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19 Antworten to “Offen wie ein Buch”

  1. Ohne die anderen Aussagen relativieren zu wollen: Besonders der letzte Absatz spitzt den Beitrag auf die Kernaussage zu. Allerdings möchte ich eine Einschränkung machen: Nicht alle gehen mit ihrer Privatsphäre und der Privatsphäre anderer nicht so verantwortungsvoll um. Aber die haben vermutlich über die Möglichkeit, ensprechende Optionen zu setzen, noch nie nachgedacht.

  2. In der Tat, mehr als nur einen Gedanken wert sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Man könnte ja tatsächlich so weit gehen, und das Profil offen halten und Informationen die eben nicht für alle gedacht sind (bspw. Fotos von der letzten Geburtstagsfeier) einschränken. Muss ich mal drüber nachdenken.

  3. ich mag offene menschen und schätze die, die sagen, was sie denken .. oder posten. bezeichnenderweise arten pro und contra-privatsphärendiskussionen immer in eine debattierclubähnliche meinungsdringlichkeit aus, die allzuoft der welt die richtigkeit bestimmter standpunkte erklären möchte .. die handhabung soll jede/r selbst entscheiden, und wer garnichts von sich preisgeben möchte, der muss auch geschützt werden, anders würde facebook nicht funktionieren.
    turnschuh oder lackschuh? manche schuhe trägt man ohnehin nur zu bestimmten anlässen ..

  4. Sehr sehr gut .. Du sprichst mir aus der Seele !

    Marco

  5. Na ick wees nit. Ich würde meine Einstellungen so belassen wir vorher. Denn kurz im Text angesprochen ist ja die “Exklusivität” meines Profils. Wer mehr wissen will, soll den Kontakt suchen. Bei XING ist es ja schon sehr offen geregelt, aber auch hier ist nicht alles sichtbar, bevor man sich nicht “verxingt”.

  6. Sehr schöner Artikel, der zum Nachdenken über Privatsphäre 2.0 und den Angst vor der Veröffentlichung des kompletten Selbst anregt. Ich finde mich in den einleitenden Absätzen über Angst und Trotz gegenüber zu freizügigen Standardeinstellungen leider auch wieder.

    Danke für die Denkanstöße!

  7. Was machst du, wenn öffentliche Diskussionen privat werden, du aber keine private Kontaktadresse kennst?

    Oder wenn Leute ihr Facebook lesen, ihre Mails aber nicht?

  8. Hallo Arne,

    ich verstehe die Frage offengestanden nicht. – Eine öffentliche Diskussion in einer öffentlichen Gruppe oder wo? Na, und wenn jemand private Fragen stellt, kann ich spontan entscheiden sie zu beantworten oder nicht. Wenn ich sie aber beantworte, ist mir doch die Kontaktadresse des Fragenden sowas von wurscht. Ich muss doch nicht wissen, wie ich jemand erreiche, um mit ihm zu reden. Beim Bäcker um die Ecke nicht, in der U-Bahn nicht, und auch bei Facebook nicht…

  9. Bei Facebook können sie aber potentiell alle Leute im Internet lesen.

  10. Ich teile die Grundeinschätzung ‘pro Offenheit’.

    Ein Punkt, der mich allerdings neulich anfiel, ist die Veröffentlichung privater Daten über Zweite. Da besucht Dich privat also ein anderer Öffentlichkeitsfetischist und das erste was er/sie tut ist diesen Besuch bei Dir inkl. Geotags mal eben per Handy zu veröffentlichen. Danach geht ihr ins Kino und auch diese Zweisamkeit wird inkl. Name des Films & Kinos veröffentlicht. Nach dem anschließenden, ebenfalls veröffentlichten Kneipenbesuch kehrst Du zu Deiner Wohnung zurück und findest diese sauber ausgeräumt vor.

    Was weißt Du über die Datenhygiene Deiner Freunde und wie weit lassen sich Daten verknüpfen?

  11. Hallo Markus,

    das ist ja zur Abwechslung mal ein ganz anderer Aspekt, der nicht unbedingt etwas mit Facebook zun hat. Vielen Dank.

    Klar, Dienste wie foursquare oder Gowalla erleichtern natürlich die Überwachung, was es “geneigten” Personen mit entsprechenden Absichten einfacher macht, ihrem Handwerk nachzugehen. Aber prinzipiell wurde doch “nur” die Technologie erneuert. Ohne diese Geodaten preiszugeben hat man ja auch oft am Samstagabend “Kontrollanrufe” bekommen… Und wer weiß, ob sein Haus nicht mindestens stichprobenartig sozusagen vor Ort überwacht wird, um es anschließend auszuräumen.

  12. Michael Lohmann 20. Februar 2010 at 02:11

    Also wirklich öffentlich ist das Profil ja nun immer noch nicht !
    “Klaus-Dieter teilt nur einige seiner Profilinformationen mit allen. Wenn du Klaus-Dieter kennst, schick ihm eine Nachricht oder füge ihn als Freund hinzu.”

    Ich kann zwar lesen, was Du für Bücher / Filme whatever magst, worüber du gerade so plauderst, das darf ich dann aber doch nicht.

  13. Aha. In den Privacy-Settings hab ich eingestellt, dass auch die Pinnwand allen zugänglich ist. Möglicherweise muss ich wirklich für jeden einzelnen Post diese Einstellung extra angeben – oder noch irgendwo eine andere Einstellmöglichkeit finden. Werde ich gleich mal nachschauen… – Danke für den Hinweis, Michael.

  14. Re. #11 Ich meinte gar nicht so sehr den geotagging Aspekt. Das ist nur eine Technik unter vielen.

    Mir ging es um Ubiquität, also um die umfassende and allgegenwärtige Datenwolke, die uns umschwirrt und über die wir bei zunehmender ‘dummer’ Zweit- und Drittvernetzung weder räumliche noch zeitliche Kontrolle haben.

    @Mspro hat in seinem neuen Blog bei der FAZ einen sehr anregenden Artikel zu dem Thema geschrieben.

  15. Hallo!

    Ich kann dem Beitrag nur zustimmen! Wieso haben wir Deutschen eigentlich immer so viel Angst???? Wenn ich so ein Werkzeug, wie z.B. Facebook nutze, dann tue ich es doch, um neue Leute kennenzulernen. Wie soll man nachhaltig neue Bekanntschaften machen, wenn man nichts von sich Preis gibt? Die reichtig geheimen Geheimnisse schreibt man eh nicht ins Netz.

    Diese Sicherheitsdenken bringt nur Stress und blockiert kreative, nützliche Plattformen. Datenschutz ist wichtig, aber selbst mit den Daten im Facebook kann nicht jeder tun, was er will. Und die, die meinen, sie könnten darüber Werbung machen, werden sehen, daß, wenn sie nicht dahinter stehen und nur verkaufen wollen, eh nichts erreichen.

    Ich habe durch Plattformen wie http://www.new-in-town.de oder Facebook eine Menge echter Freunde kennengelernt, die ich auf anderem Weg sicher nicht getroffen hätte. Und es sind langjährige Freundschaften draus geworden.

    Warum muß man in Deutschland immer alles verteufeln? Ein Risiko gibt es immer und überall. Es kann auch einer meinen Briefkasten knacken und wichtige Sachen stehlen. 100% Sicherheit gibt es nicht!

    Und das ist gut so!

  16. Ich finde den Wirbel um den Datenschutz bei Facebook etwas übertrieben. Payback erstellt bei jedem Kauf ein ausgefeiltes Nutzerprofil, die Telekom und diverse Warenhenäuser vertickern Ihre Kundendaten an Call-Center und Email-Versender, Google Street View schaut mir bei der Gartenarbeit zu und der Staat kauft von Kriminellen Daten-CD’s. Anonymität auf Social Media-Seiten macht keinen Sinn und letztendlich ist jeder User dafür verantwortlich, was er ins Netz stellt und von sich preiszugeben bereit ist.

    Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die sich wundern, warum der Arbeitgeber am Montag so seltsam schaut, nur weil sie Gruppen wie “Ich bin romantisch…ich fick dich, bis du Sterne siehst” oder “wir müssen den Vodka austrinken….ich hab den Deckel verloren” beigetreten sind :-) Aber wahrscheinlich ist daran auch Facebook schuld…..

    Die Verantwortung im Nachhinein auf den Anbieter abzuwälzen, ist ein bequemer, aber falscher Weg.

  17. Das Problem bei Facebook ist, dass sie ohne gegenzufragen Daten weitergeben, dabei aber behaupten „nur deine Freunde können das sehen“.

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  1. Social Privacy: Wie haltet Ihr es mit der Privatsphäre bei Facebook & Co? » t3n News - 17. Februar 2010

    [...] bedacht. Klaus-Dieter Knoll hat darauf reagiert und erklärt uns in seinem lesenswerten Blogpost „Offen wie ein Buch", warum er seine gesamten Profilinhalte allen zugänglich [...]

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