Die Angst vor dem Kontrollverlust
Internet, Privatsphäre, Datenschutz – wann immer diese drei Begriffe in einem Atemzug genannt werden, bricht ein wahrer Entrüstungssturm los, der die Diskussionsteilnehmer aufs Schärfste trennt und in einen unerbittlichen Glaubenskrieg verwickelt. Ein anderes Wort fällt mir gar nicht ein, so hoch fliegen die Emotionen und so wenig wiegen die vorgetragenen Argumente. Obwohl ich vor noch gar nicht allzu langer Zeit dazu etwas gebloggt habe, lieferte mir eine Diskussion am Wochenende Anlass, dieses Thema noch einmal aufzugreifen.
Götz und Dämon zugleich
Vermutlich sind sich alle einig darüber, dass „Internet“ ein Sammelbegriff für alles ist, was mit, durch und in dieser Technologie an Möglichkeiten steckt und angewendet wird. Mittlerweile sind diese so vollumfänglich und alltäglich, dass niemand sich dem mehr entziehen kann. Selbst Leute, die keinen Internetanschluss haben, werden auf die ein oder andere Art und Weise irgendwo verwaltet und können sicher sein, dass entsprechende Datensätze via Internet kursieren. Und aus diesem Grund dient der Sammelbegriff Internet den einen als Götz, um alle Verheißungen, und den anderen als Dämon, um alle Befürchtungen darauf zu projizieren.
Deutlich diffuser verhält es sich mit dem Begriff Privatsphäre, den Wikipedia als „den Bereich“ einer Person bezeichnet, „der nicht öffentlich ist, …“ und „nur die eigene Person angeht“. – Wenn ich jetzt hinterhältig philosophisch argumentieren wollte, stellte ich die Frage: Was ist eine Person? – Auch, was öffentlich ist, interessierte mich in diesem Zusammenhang.
Ohne näher darauf einzugehen, wird bereits ersichtlich, dass es sich bei diesen miteinander verwobenen Begriffen eben nicht um Definitionen – also um begriffliche Abgrenzungen – handelt, als vielmehr um Produkte theoretischer Willkür, deren Grenzen offen und verschwommen sind, und die sich nicht nur im Denken anderer Kulturen völlig anders darstellen, sondern auch und gerade in der Auffassung eines jeden einzelnen Menschen.
Wenn meine Nachbarin singt, so dass ich es ein Stockwerk darüber hören kann, ist ihre Privatsphäre dann noch geschützt, wenn ich mich an ihrer hellen, klaren, hohen Stimme erfreue? Wenn ich mir „ein Bild von ihr mache“ und denke, sie kann aber schön singen? Hat sie überhaupt eine Stimme, wenn niemand sie hört? Oder verlässt sie mit ihrem Gesang bereits ihre Privatsphäre und verwirklicht sich öffentlich? – Und ist meine Privatsphäre noch geschützt, wenn ich ihre Stimme vernehme? Oder reicht meine akustische Wahrnehmung bereits in den öffentlichen Raum hinein? Ist Hören Privatsache?
Privatsphäre ist, was das Individuum dazu erklärt; und nicht öffentlich meint jenen Teil, der nicht in sein Bewusstsein dringt.
Sich vor Zeugen verwirklichen
Menschen sind soziale Wesen, die den Wunsch haben, sich vor Zeugen zu verwirklichen. Das fängt schon bei Kleinkindern mit „Mutti guck mal“ an. Mit zunehmender Sozialisierung erfährt der Mensch (westlichen Denkens – muss an dieser Stelle zwingend hinzugefügt werden) sich selbst durch Abgrenzung von anderen und anderem. – Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, die theoretisch daraus resultierende Privatsphäre könne kontrolliert geschützt werden. Irgendwer nimmt immer irgendwen anders wahr. Und ob einem das gefällt oder nicht – ob es einem überhaupt ins Bewusstsein dringt oder nicht –, derjenige macht sich immer auch seinen eigenen Reim auf das was er wahrnimmt.
Indem ich also den Zusammenhang von Person, Öffentlichkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein herstelle, offenbart sich, wie unendlich schwierig es ist, ein so fragiles und ebenso theoretisches wie individuelles Konstrukt Privatsphäre überhaupt schützen zu können. Hier findet sich sicherlich auch der Grund, weshalb ausgerechnet die Gesellschaft in die Pflicht genommen wird, dem Individuum Schutz zu gewährleisten.
Denn der einzelne kann sich sein Selbst nur vorstellen, seine Privatsphäre nur einbilden und nur versuchen sein Bewusstsein zu kontrollieren. Vollständige Kontrolle über die Vorgänge des Bewusstseins erlangt nur, wer bereit ist, die Grenze zur Schizophrenie zu überschreiten, da es immer außer dem Selbst auch noch einer davon autonomen Kontrollinstanz bedarf.
Hatte Gummibärchen zum Frühstück
Das alles wäre kaum der Erwähnung wert, gäbe es nicht das Internet, wodurch sich Reichweite und Verbreitungsgeschwindigkeit dramatisch erhöhen und einmal veröffentlichte Informationen auf längere Sicht in erstaunlich gutem Zustand gespeichert werden. Drei Superlativen, die das Ego offenbar derart mit Bedeutung aufladen, dass es aus der Schutzwürdigkeit der Privatsphäre prophylaktisch eine immerzu bedrohte Verletzbarkeit ableitet.
Bei diesem Vorgang handelt es sich aber lediglich um Bewusstwerdung, ähnlich dem Spiegelstadium. Und möglicherweise ist das Internet für die Menschen eine noch so neue und ungeheuerliche Technologie, dass sie wie Kleinkinder durch unentwegtes Wiederholen des Wortes „Ich“ sich ihrer neuen Entdeckung vergewissern müssen.
Es ist jedenfalls nichts Neues, dass Menschen sich Auskünfte über andere einholen, die etwas von ihnen wollen. Auch bevor es das Internet gab, haben sich Vermieter nach dem Leumund des neuen Mieters erkundigt; haben sich Arbeitgeber über einen Bewerber informiert; haben Banken die Kreditwürdigkeit eines Kunden überprüft und Nachbarn untereinander über einander getuschelt. – Und das Entscheidende an dieser Feststellung ist: sie alle haben immer auch die Informationen bekommen, die sie haben wollten.
Die Angst, die unbeschwerte Äußerung in einem unbedachten Moment könne sich zukünftig potentiell auch gegen einen selbst wenden, ist also unmittelbar an die Bewusstmachung des technologisch Möglichen gekoppelt und nichts anderes als die Angst vor Kontrollverlust. Dies zu erkennen, um mit etwas mehr Gelassenheit den Umgang mit dem Internet zu erlernen, halte ich für wichtiger, als nach staatlicher Kontrolle zu verlangen oder die modernen Technologien gar nicht erst zu nutzen, um keine Datenspuren zu hinterlassen.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment
![]() |
| | ![]() |
| | ![]() |
| |



Schöner Beitrag!
Ziemlich genau auf den Punkt gebracht, es ist nichts anderes als die Angst.
Es ist eigentlich immer die Angst, vor irgendwas.
Aber wie du ja schon so schön gesagt hast:
Etwas NICHT zu nutzen schützt einen nicht davor dass die Geschichte geschrieben wird.
Die Geschichte wird geschrieben, so oder so. Nur dass man eben die Chance hat bei der Erstellung dieser „Geschichte“ dabei zu sein, sie in eine gewisse Richtung zu lenken und sie zu korrigieren.
Auch die Nachbarn werden am wöchentlichen Treffen auf dem Flur tuscheln, egal ob man dabei ist oder nicht. Ist man aber dabei, hat man mehr Kontrolle als vorher.
Liebe Grüße
Tobias