3 Social Media-Mythen ausgeräumt
Mit dem Social Media-Hype im vergangenen Jahr ging die Erkenntnis einher, dass Social Media sich hervorragend sowohl für die Unternehmenskommunikation als auch fürs Marketing eignet. Allerdings umfasst der Dunstkreis „Social Media“ so viele verschiedene Anwendungen, dass die Vielzahl der sich daraus ergebenden Möglichkeiten und die häufig recht unterschiedlichen Wege zum Ziel noch gar nicht vollständig überblickt werden können. Und diese Situation führt natürlich zum Entstehen von Mythen, die immer wieder gern an Neulinge auf diesem Gebiet weitererzählt werden. Sei es, um die eigene Ahnung als Beratungsleistung zu verkaufen oder einfach nur, um die Tatsache zu kaschieren, dass im auf allgemeiner Teilnahme basierenden Social Media keine feststehenden Erfolgskonzepte vorgesehen sind.
Mythos 1: E-Mails sind out
Twitter hat der Kommunikation im Internet gleich zwei Innovationen beschert: Mikroblogging in Echtzeit. Damit ist es natürlich zu der Killer-Applikation avanciert, mit der sich Informationen ebenso rasch verbreiten wie gewinnen lassen. Auf 140 Zeichen pro Nachricht beschränkt, lassen sich so vor allem allgemeine Hinweise, persönliche Kommentare und weiterführende Links mit zahlreichen Nutzern teilen. – Damit berührt es den Kern des Social Media, die Viele-zu-vielen- anstelle der überkommenen Einer-zu-vielen-Kommunikation sowie das Teilen, die direkte altruistische Interaktion um ihrer selbst willen.
In die gleiche Richtung entwickeln sich die sozialen Netzwerke, allen voran Facebook. Auch hier werden soziale Beziehungen geknüpft und gepflegt auf Basis von an viele Teilnehmer gerichteten Kurzmitteilungen und dem öffentlichen Verfügbarmachen weiterführender Inhalte wie Videos, Fotos oder Webseiten.
Mit Wave hat Google schließlich eine als würdigen Nachfolger der E-Mail gepriesene Applikation entwickelt und im Herbst 2009 in der bislang nur auf Einladung zugänglichen Beta-Version veröffentlicht. Doch so genial die gelungene Verschmelzung so verschiedener Kommunikationstypen wie Mailen, Chatten, Bloggen und Teilen aller Arten von Dokumenten auch ist, eignet sich Google Wave eher als Kollaborationstool und erfordert mindestens drei Teilnehmer, um wirklich Sinn zu machen.
Doch nichts von alledem kann die E-Mail vollständig ersetzen, was ganz einfach daran liegt, dass es genügend Szenarien gibt, für die neben der E-Mail allenfalls noch eine auf Papier gedruckte Snail Mail in Frage kommt.
Wer möchte beispielsweise ein individuelles Akquiseanschreiben an einen viel versprechenden Interessenten öffentlich machen? Wer mag sich vorstellen, die Korrespondenz zwischen zwei Geschäftspartnern prinzipiell auf 140 Zeichen zu verkürzen?
Für den Austausch von Dokumenten – zumal wenn sie größeren Umfangs sind – eignen sich zwar Dienste wie box.net besser, doch noch immer werden Word-Dokumente, Excel-Tabellen oder Power-Point-Präsentationen vorzugsweise per E-Mail versandt. Und ich bin überzeugt, das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben.
Mythos 2: Unternehmer müssen bloggen
Der Hype um die Blogs ist zwar schon etwas länger vorbei, trotzdem wird Unternehmen, die noch nicht bloggen, immer wieder empfohlen, schleunigst ein Blog zu kreieren und der Authentizität wegen möglichst den Chef selber bloggen zu lassen.
Bei allem Wahrheitsgehalt ist diese Empfehlung natürlich trotzdem an Unsinn kaum zu überbieten. Damit ein Blog überhaupt lebensfähig wird, sollte sich aus dem Unternehmen eine thematische Bandbreite ergeben, die eine gewisse Regelmäßigkeit sicherstellt. Es gibt nichts Schlimmeres als enthusiastisch begonnene Blogs, denen schon nach kurzer Zeit die Puste ausgeht, bevor sie schließlich ganz einschlafen.
Wer möchte schon sein Unternehmen mit wenig kurzatmiger Durchhaltekraft in aller Öffentlichkeit präsentieren? – Wenn der Themenumfang nicht groß genug ist, die personellen und/oder finanziellen Ressourcen regelmäßiges Bloggen nicht erlauben, lautet die einzig vernünftige Empfehlung: Finger weg! Der Schaden, den die Online-Reputation durch derlei Möchtegern-Aktionen nimmt, ist größer und nachhaltiger als der zu erwartende Nutzen.
Ähnliches gilt für die Authentizität, deretwegen Firmeninhaber selber bloggen sollen. – Wer so etwas empfiehlt, kann sich offenbar nicht vorstellen, dass Geschäftsführer oder gar Vorstände auch anderes von größerer Wichtigkeit zu tun haben, und zwar in einem Umfang, der regelmäßiges Bloggen nicht zulässt. Dabei offenbart schon ein Blick in ein x-beliebiges Kundenmagazin, dass ein vom Chef verfasstes Editorial allemal ausreicht, um die Firmenkommunikation zu authentifizieren.
Hinzu kommt, dass es nicht jedem liegt, sich schriftlich auszudrücken. Ein wie auch immer geartetes Blog wirft allerdings immer auch ein Licht auf die dahinter stehende Firma. Und wenn wenig inspirierte Blogposts – in holpriger Umgangssprache verfasst – das Lesevergnügen mindern, welche Schlüsse zieht ein potentieller Kunde dann bezüglich der Produkte oder Leistungen dieser Firma?
Mythos 3: „Viral“ ist gleichbedeutend mit Erfolg
Ob Videos auf YouTube, Computerspiele oder andere ausgefallene Aktionen – virales Marketing setzt auf die Stärke des Social Media, ohne die darin enthaltene Werbebotschaft plump und offensiv in den Vordergrund zu stellen. Es verlässt sich auf die rasante Verbreitungsgeschwindigkeit, die sich aus hohen Nutzerzahlen und dem Wunsch, gute Inhalte zu teilen ergibt. Und virales Marketing lässt sich – verglichen mit konventionellen Werbekampagnen – günstiger produzieren.
Das alles stimmt, und deshalb sind Empfehlungen „mal eben eine virale Kampagne zu starten“ leichtfertig daher gesagt. – Social Media bedeutet jedoch nicht nur die Teilnahme Vieler am allgemeinen Kommunizieren und Teilen von Inhalten. Genau genommen markiert die Entstehung des Social Media die umfassendste Veränderung unserer sozialen Beziehungen und ökonomischen Grundlagen seit der Industriellen Revolution. Teil dieser grundlegenden Veränderung ist die Wandlung des (passiven) Konsumenten in einen (aktiven) Prosumenten, und Social Media ist sein Betriebssystem.
Der Wirt, ohne den die Rechnung keinesfalls aufgeht, ist der Mensch hinter dieser Veränderung, der Nutzer im Social Media. Er allein entscheidet, ob eine Kampagne tatsächlich viral wird oder nicht. Und außer gutem Inhalt gehört immer auch Respekt gegenüber dem Nutzer dazu. Wer das ignoriert und glaubt, sich schnell und billig mal eine Serie Lobhudel-Blogposts erkaufen zu können, wird sich im Zurückrudern üben müssen.
Und aus eben diesen Gründen ist „viral“ keine allgemeingültige Erfolgsgarantie. Wenn es überhaupt so etwas gibt, so ist es der Blick auf die Menschen und ihre Bedürfnisse. Es heißt nicht umsonst, dass „Zuhören“ die Kardinaltugend im Social Media ist.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment
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Hi Klaus,
schoener Beitrag. Ich muss wirklich feststellen, dass Emails bei mir persoenlich zwar um ca. 50% weniger geworden sind als noch im Jahr 2004, out sein wird die Email wohl erstmal wirklich nicht werden. Man schreibt ja auch noch “echte” Hard-copy Briefe. Jedenfalls hoere ich das von Leuten :)
Ich musste ueber den bloggenden Chef schmunzeln… Das ist auch ein Mythos. Wenn jemand so einen Chef hat oder kennt, ich waere erstaunt…
Schoene Gruesse aus SZ,
M
Gelungener Beitrag! Aufgrund von Social Media erhalte ich allerdings wesentlich mehr Mails und RSS-Feeds, die insgesamt deutlich kürzer ausfallen.
Corporate Blogs, die nach 2 Wochen Enthusiasmus im Netz verrotten, sind eine Zumutung, die ich aus meinem Berufsalltag zur zu gut kenne.
Mmmh, so ganz verstehe ich nicht warum man mit Google Wave keine Mails schreiben können soll!? Es ist doch gerade die Integration all der beschriebenen Möglichkeiten (inkl. Emails) die Wave zum potenziellen Nachfolger der Email machen soll. Klar, es fehlt noch einiges bei Google Wave, insbesondere bei der Bedienerfreundlichkeit hapert es meines Erachtens noch, gerade beim Mailschreiben und Chatten.
Dennoch: die Email wird natürlich niemals sterben, da stimme ich zu, aber das dahinter liegende Protokoll wird sich mit Sicherheit verbessern…und evtl. wird es das Wave-Protokoll sein!
Sicher kann man mit Wave auch Mails schreiben. Es ist nur etwas gewöhnungsbedürftig und wegen der Vielzahl an Möglichkeiten auch etwas groß, so dass es sich eher zur Collaboration als zur Konversation eignet. Aber prinzipiell machbar ist es. Man kann ja auch mit ‘nem LKW Brötchen holen ;)
Ich habe, seit ich “social media” und diverse Kollaborationstools im Studium, der politischen Arbeit und auch bei der Arbeit einsetze, erheblich MEHR Emails. Emails haben den Reiz, von sich aus zu funktionieren, schnell und sehr universell zu sein, ohne dass man sich, vom Protokoll einmal abgesehen, auf eine Plattform einigen muss. Da ausnahmslos alle SocialMedia-Strukturen irgendwann auf eine walled-garden-Problematik stoßen oder schon gestoßen sind, fällt man am Ende immer auf Email als kleinsten gemeinsamen Nenner zurück.
Der größte Punkt ist aber: mit nur wenig Aufwand (Zertifikat und Verschlüsselung, geschlossene Verteiler, vernünftige Clients) kann man der Email fast alle Nachteile nehmen.
sehr interessant fuer mich dieser artikel,vorallem weil ich so sehr viel von diesen dingen nicht verstehe.
danke regido
82% Zuwachs von Social Media im Jahr 2009 – laut Nielsen:
Social Media Usage has increased by 82% in 2009
http://wp.me/pIvrn-39
Mir fehlt beim Thema Social Media in Deutschland noch der aktive Konsument. Alles ist vorbereitet, aber die Zielgruppe weiss noch nicht wirklich was sie tun soll :) Hier in den USA gibt es Social Media seit 2005, die Menschen konnten sich dran gewöhnen und wissen ihre Stimme zu nutzen.
Den bloggenden Chef gibt es hier, nicht nur in den IT-Firmen. Und auch die Politiker haben zum Teil selbst geblogged und getwittert, bis sie so wichtig wurden, dass es ihnen aus der Hand genommen wurde. Aber die hatten 5 Jahre Zeit sich zu entwickeln, die haben damals geübt ohne Echtzeit Suchmaschinen, Monitoring Tools und breiter Öffentlichkeit.
Und zum Thema Emails, einer der bekanntesten Blogger in den USA twitterte heute: Zombie Email: The More You Slay, The More Come Back. => sie sind untot die Emails ;)
Ja, Elke, da hast Du allerdings recht, in den USA sieht die Situation tatsächlich anders aus. Ich lese einige US- und kanadische Blogs und Newsletter und habe von da den Eindruck, dass die Mentalität eine entscheidende Rolle spielt.
Amerikaner sind Go-Getter, denen 80% einer Idee reicht, um unternehmerisch tätig zu werden. Außerdem sind sie offen für Neues im allgemeinen, für neue Technologien im besonderen.
Im Gegensatz dazu sind die Deutschen ängstlich. Ein Plan sollte am besten zu 120% stehen, und dann wird davon auch nicht mehr abgewichen. Und Neues wird immer erst einmal skeptisch, argwöhnisch und abwartend begutachtet.
Das ist ja auch der Grund, weshalb Obama Präsident wurde, Steinmeier aber nicht Kanzler ;))
Schöner Beitrag, wie so oft. Ich hoffe er wird einigen Leuten die Augen öffnen. Ich werde jedenfalls gern darauf verweisen, wenn mal wieder die typischen Coaches auftauchen und ihre einzig wahren Lehren auf den Tisch legen.