Ein schöner Brauch, an jedem Adventsonntag eine neue Kerze anzuzünden, gemeinsam zu beten, zu singen, zu essen, miteinander zu reden, sich auf Weihnachten einzustimmen, einzuschwingen. Ob Adventkranz, Gesteck, oder nur Kerzen – ein bisschen Innehalten in der Hektik, Nachdenken, Entschleunigen.
Meine Kerzen haben ein Thema, ein Motto:
Kerze 1
Ich bin seit 30 Jahren Psychotherapeut, habe viel gehört, gesehen, gespürt, mitgefühlt. Aber das war neu: In einem einleitenden Gespräch mit einer Klientin, was seit dem letzten Treffen so passiert sei, stellte sich heraus, dass ihr der Strom abgedreht worden war. Kein warmes Wasser, kein Licht, kein warmes Essen, kein Kühlschrank. Knieoperation, arbeitslos, in Kürze eine neue Operation, nicht vermittelbar. Notstand! Das Geld war schneller aus, als der Monat Tage hatte. Eine unverschämt hohe Miete. Seit zwei Tagen nichts mehr gegessen.
Ich unterbrach die Therapiestunde und ging in die Küche, um etwas Nahrhaftes zu kochen, das man auch kalt essen konnte. Eine warme Mahlzeit statt Therapie, und noch etwas zum Mitnehmen.
Wir sind nicht in einem von Dürre oder sonstigen Naturkatastrophen, Kriegen, … geplagten Hungerland, sondern in Österreich, einem der reichsten Länder der Welt.
Ich will nicht in einem Land leben, wo so was möglich ist, dass jemand aus dem sozialen Netz heraus so hart auf den eiskalten Boden fällt. Das muss nicht sein, es ist genug Geld da, zumindest für Banken.
Daher eine Kerze für eine bedarfsgerechte Mindestsicherung für alle.
Kerze 2
Die Familie Zogaj, schon wieder, noch immer von Abschiebung bedroht. Muss sich wirklich jemand in Verzweiflung umbringen, damit endlich eine menschliche Lösung ermöglicht wird? Die Zogajs sind ja nur die Spitze eines Eisbergs von gut integrierten Menschen, die seit Jahren hier leben, arbeiten, in die Schule, die Lehre gehen. Die liegen uns nicht auf der Tasche, die bringen uns was.
Soviel Unbarmherzigkeit, Unmenschlichkeit muss nicht sein.
Daher eine Kerze für eine menschliche Zuwanderungs- und Integrationspolitik und für Pfarrer Friedl im konkreten Fall, der als einer der wenigen in der Bibel gelesen hat: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Schwestern sind natürlich mitgemeint.
Kerze 3
Besetzte Hörsäle seit Wochen in Österreichs Universitäten. Darf das sein? Es muss anscheinend sein, weil sonst die Mängel vom Kindergarten bis zur Universität in unserem Bildungssystem nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen werden, dass so viele Begabungen nicht gefördert, Defizite nicht ausgeglichen werden, Verbesserungen aus Engstirnigkeit nicht angegangen werden, oder wieder einmal gespart werden muss an der Zukunft der jungen Menschen.
Daher eine Kerze für die Studierenden, die sich vom Untertanengeist verabschiedet haben. „Licht ins Dunkel!“
Kerze 4
„Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.“ Jean Ziegler zitiert Jean-Paul Sartre in einem Interview zur Vorstellung seines neuen Buches. Das ist ein sehr passender Weihnachtsspruch, christlich, sozial und ökologisch.
Daher eine Kerze für alle, die sich aus Liebe zu den Menschen dafür engagieren, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, Leid zu lindern, zu helfen, wo Not ist, bei denen, die zu kurz gekommen sind: ob bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz, der Caritas, bei Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, Attac, einer Partei, als Einzelperson, wie auch immer. Hauptsache, sie schauen nicht nur tatenlos zu, wenn andere krepieren, während man selber auf der Butterseite des Lebens gelandet ist.
Christbaum
Leuchtende Kinderaugen, Geschenke, Kerzen, Weihnachtsschmuck. Die Familie versammelt nach Frankfurtern, Bratwürsteln, Karpfen, was eben das traditionelle Weihnachtsessen ist. Hoffentlich eine entspannte Zeit im Kreis der Liebsten und Wichtigsten, so sollte es sein.
Das wünsche ich Euch allen. Aber die Adventkerzen nicht vergessen.
PS: Wer mich näher kennt, weiß, dass ich weder einen Adventkranz noch einen Christbaum habe. Trotzdem: Die Kerzen werden jeden Adventsonntag und am Weihnachtstag angezündet. Ganz sicher! Und auch im kommenden Jahr nicht vergessen. Möge es für alle, wirklich ALLE ein gutes Jahr sein.
Karl Scheuringer
Anmerkung von Klaus-Dieter Knoll:
Dies ist der erste Gastbeitrag in meinem Blog und ich danke dem Autor ganz herzlich für diesen wunderbaren Beitrag zur Besinnlichkeit, der sicher nicht nur für Österreich, sondern auch darüber hinaus Gültigkeit besitzt. Karl Scheuringer hat diesen Text passend zur Adventszeit für die Dezember-Ausgabe von VOR ORT geschrieben, dem Informationsblatt der Bürgerliste Rutzenham, das ich mit einem neuen – von mir entworfenem – Layout regelmäßig betreue.
Karl Scheuringer betreibt eine psychotherapeutische Praxis in Rutzenham, Oberösterreich. Im Hauptberuf ist er Universitätslehrer an der Uni Salzburg im Fachbereich LehrerInnenbildung. Er engagiert sich überdies sozial für Ärzte ohne Grenzen zum Aufbau einer psychosozialen Versorgung nach dem Bürgerkrieg in den Molukken und nach dem Tsunami in Aceh, beides in Indonesien.
Sie erreichen Karl Scheuringer direkt per E-Mail: karl[punkt]scheuringer[at]aon[punkt]at
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1. Dezember 2009




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