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Ich ist ein Anderer

Alle Welt redet von Social Media und dass man in mindestens einem Netzwerk ein Profil einrichten sollte. Einige sind schon längst dabei und nutzen es ganz selbstverständlich, mitunter auch als Bühne für ihre extrovertierte Selbstinszenierung. Andere hingegen glauben, hinter den vorhandenen Möglichkeiten lauere das Potential für die Erschaffung des gläsernen Menschen. Eine diffuse Mischung aus Neugier, Halbwissen und orwellschen Phantasien, sowie eine ordentliche Portion Kontrollverlustangst erzeugt in ihnen das mulmige Gefühl aufkeimender Paranoia. – Aber führen einmal preisgegebene private Informationen unweigerlich zu öffentlich verletzbarer Nacktheit? Sind wir etwa selber unser ärgster Feind?

Ich denke nein, um die Pointe gleich mal vorweg zu nehmen. Von McLuhan wissen wir, dass Medien die künstliche Erweiterung unserer Sinne sind. Und das bedeutet, im Internet ereignen sich die Dinge genauso wie „im wirklichen Leben“ auch, lediglich auf eine andere Art und Weise, was sie für mehr Menschen wahrnehmbar macht und so ihre Verbreitung potentiell beschleunigt. Das heißt aber noch lange nicht, dass auch jeder überall hinsieht. Und es bedeutet nicht mal, dass jemand automatisch für andere interessant wird, weil er irgendwo Informationen über sich hinterlegt.

Das einzige was durch das Internet wirklich anders geworden ist: Informationen vergehen nicht mehr direkt mit der Zeit, weil sie analog dazu im menschlichen Gedächtnis gespeichert werden, wo sie allmählich immer schwächer werden. Stattdessen werden sie in ein gigantisches – durch diesen Vorgang erst entstehendes – zeitgeschichtliches Archiv eingebettet und bleiben eine Zeitlang in erstaunlich guter Qualität erhalten.

Einige behaupten sogar, „das Web vergesse nichts“. Dabei ist das Web noch viel zu jung, um eine solche Behauptung auch verifizieren zu können. – Kein einziger handelsüblicher Computer kann heute noch Daten von einer 5,25-Zoll Floppy-Disk lesen, wie sie vor gerade mal zwanzig Jahren gebräuchlich waren. Ganz zu schweigen von proprietären Dateiformaten aus Programmen, deren Entwicklung längst eingestellt worden ist. Und um nur ein Beispiel aus der jüngsten Internetgeschichte zu geben: Geocities, die erst kürzlich verstorbene Mutter aller Social Networks, wird jedenfalls nur in Teilen archiviert

Der Punkt ist, getreu dem Watzlawick’schen Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ geben wir nämlich auch ohne Internet jede Menge Informationen von und über uns Preis, ob wir wollen oder nicht. Und aus genau diesen Informationen setzt sich das Bild zusammen, das andere von uns haben, unser so genanntes Image.

Natürlich versuchen wir eine möglichst gute Figur zu machen, um in den Augen unserer Mitmenschen ein positives Image von uns zu erzeugen. Aber was sie wirklich von uns halten, erfahren wir doch in den seltensten Fällen. Ganz zu schweigen davon, lässt sich ein Image durch bewusst lancierte Details auch formen, um sein wahres Ich schützend dahinter zu verbergen. Und man kann potentieller Beschädigung sogar entgegentreten, gerade weil man sich öffnet.

„Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich preisgibt, nimmt Tuschlern, Lästerern und Verleumdern den Wind aus den Segeln.“
Alexandra Tobor alias @silenttiffy ¹

Es geht doch schließlich nur darum, sich zeitgemäß auf verschiedene Arten zu sozialisieren. Dazu gehört beispielsweise das berufliche Selbstmarketing auf Business-Plattformen wie LinkedIn, XING oder MyON-ID. Hier sollte man sich meiner Meinung nach durchaus selbstkritisch fragen, welche Informationen wirklich für potentielle Arbeitgeber oder künftige Geschäftspartner von Interesse sein können. Fakt ist aber auch, dass dieses Thema ein wenig überschätzt wird, dass niemand wegen seines Soseins diskriminiert werden darf und dass übereifrige Schnüffler notfalls von Gerichten zurückgepfiffen werden und eher die Reputation ihrer Auftraggeber ramponieren.

Sich hingegen in privaten Netzwerken, Foren oder Special-Interest-Plattformen zu profilieren und/oder auf Blogs und Twitter zu kommunizieren, ist jedermanns Recht auf freie Selbstverwirklichung. Inwieweit dabei jemand seine Privatsphäre für schützenswert hält und entsprechend handelt, liegt im Ermessen jedes Einzelnen. Eine strikte Trennung von Privatem und Beruflichem lässt sich meiner Meinung nach ohnehin weder online noch offline vornehmen, es sei denn, man handelt unter einem so starken Kontrollzwang, dass man bereit ist, die Grenze zur Schizophrenie zu überschreiten.

„Mein Herr, die Angst sich zuzugeben, das ist die Angst aus der Provinz.“
André Heller ²

Übrigens bin ich auch kein Freund von allzu aufdringlichem Exhibitionismus, der in meinen Augen auch eher danach trachtet, die Aufmerksamkeit anderer um jeden Preis zu erheischen. Freunden rate ich in solchen Fällen, ihr Tun noch mal zu überdenken; alle anderen tun mir einfach nur leid.

Und ich neige auch eher dazu, nicht jedem immerzu jede Information unter die Nase zu reiben. Ich lehne eine Kontaktanfrage schon mal ab, wenn sich eine Institution als Person vorstellt. Ebenso, wenn ich die anfragende Person gar nicht kenne, sie keine Mitteilung mitschickt, weshalb ich mit ihr Freundschaft schließen sollte und – was mich am meisten irritiert – wenn sie ihr Profil nur von bestätigten Freunden einsehen lässt.

Aber vor allem sehe ich in der Möglichkeit, sich selbst zu produzieren und damit einhergehend auch mehr Informationen von sich preiszugeben als je zuvor, eher eine Chance denn eine Gefahr. Wurde nicht mehr als ein halbes Jahrhundert lang dem Fernsehen vorgeworfen, es fördere Verblödung und Anonymität? Und jetzt, wo ein neues Medium einen Ausweg eröffnet, indem es Kreativität, Individualität und Sozialisierung gleichermaßen fördert, soll sich darin ein besonderes Bedrohungspotential für die ach so verletzliche Persönlichkeit verbergen?

Skeptikern empfehle ich etwas mehr Gelassenheit, dann lässt sich das Leben nämlich sogar genießen. Und die Paranoiker kann ich ebenfalls beruhigen: „sie“ wissen doch eh’ schon alles!

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

1) Leseempfehlung: Alexandra Tobor: „Das Ich und das Twitter-Ich“ – tiefgründiges Denken in formvollendet schönem Sprachgewand.

2) Zitat aus André Heller: „Mein Herr“ (Album/LP – Abendland, 1976)

 

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  1. 25. November 2009 um 08:43 | #1

    Intelligenter Post zum Thema, vielen Dank. Werde ihn meinen Offline-Freunden zu Lesen geben, die sich hinter dem Argument „gläserner Mensch“ verstecken. Und habe mich durch Jacques Lacans „Ich ist ein anderer“ gleich in meine Studienzeit zurück versetzt gefühlt.

    Gruß, Sabrina

  2. 25. November 2009 um 09:07 | #2

    Vielen Dank für die Blumen :)

    Wobei der Titel „Ich ist ein Anderer“ ursprünglich von Rimbaud stammt. Aber das weißt Du ja sowieso schon Lacan… (nur als Ergänzung für andere Leser).

  3. Sec
    25. November 2009 um 12:36 | #3

    Sehr entspannte, m.E. zutreffende Sicht der Dinge. Was die Selbstinszenierung betrifft kann ich nur feststellen: da ist es im Web wie im „richtigen Leben“. Ob jemand über Tweetpic seinen neuen Porsche vorstellt, oder neben mir im Bistro demonstrativ sein Iphone und seinen Porscheschlüssel auf die Theke knallt, beides erscheint mir gleichermaßen aufdringlich und unangebracht. Aber auch da muss wohl jeder sein eigenes Maß finden…

    Danke für den ausgezeichneten Beitrag,

    Sec

  1. 25. November 2009 um 08:19 | #1