XING – Vom Business-Netzwerk zur Stellenbörse

Das nach eigenen Angaben führende europäische Business-Netzwerk XING schickt sich an, aus der Not eine Tugend zu machen und bietet seit gestern für Personaler die neu eingerichtete Recruiter-Mitgliedschaft an. Damit scheint die Netzwerkplattform die in jüngster Zeit verschlafenen Entwicklungen im Social Media Bereich wettzumachen, indem es auf neue Akzente setzt.

Personalmanager, von denen laut XING allein in Deutschland mehr als 70.000 das Business-Netzwerk professionell nutzen, können nun mit diversen Filterfunktionen noch gezielter nach neuen Mitarbeitern suchen. XING erschließt sich jedoch mit der Recruiter-Mitgliedschaft zum Einführungspreis von monatlich 29,95 Euro nicht nur eine neue Einnahmequelle, sondern geht auch verstärkt in Konkurrenz zu den bekannten Internet-Stellenbörsen – und verändert damit auch den Charakter der Business-Plattform.

Schwäche eines abgeschlossenen Systems

Schon länger zeichnete sich ab, dass XING offenbar Schwierigkeiten hat, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Ob es daran lag, sich auf der Quasi-Monopolstellung zumindest im deutschsprachigen Bereich zu lange ausgeruht zu haben? Wer weiß, jedenfalls war es bereits im Frühjahr dieses Jahres interessant zu beobachten, wie viele kommunikationshungrige XING-Mitglieder anstatt eines Diskussionsbeitrags einfach nur noch ihren Twitter-Nick posteten.

Das las sich seitenweise wie ein kollektiver Ausbruchversuch aus einem abgeschlossenen System, zu dem XING sich längst entwickelt hatte und an dessen Schwächen es zu leiden begann. So findet nach wie vor entgegen aller Trends keine Echtzeit-Kommunikation unter den Mitgliedern des eigenen Netzwerks statt. Und anstelle einer Empfehlungsfunktion wird das Gästebuch als provisorischer Ersatz dafür verwendet.

Außerdem sind die verschiedenen auf der Startseite platzierten Module auf kümmerliche vier Einträge begrenzt, was natürlich auch den Kommunikationsstream beispielsweise aus den Gruppen arg beschränkt. Diese technologisch bedingte Beschränkung zwingt den Nutzer quasi, seine Startseite zu verlassen und in die diversen Threads einer Gruppe einzutauchen. Womit wiederum eine gleichzeitige Teilnahme am Kommunikationsgeschehen in anderen Gruppen oder im eigenen Netzwerk nicht möglich ist.

Die mehrheitlich inaktiven Mitglieder, die das Netzwerk mehr als ein sich selbst aktualisierendes Adressbuch benutzen, werden zwar von XING ermuntert, sich innerhalb der Gruppen stärker zu engagieren und als Spezialist auf einem Fachgebiet zu hervorzutun. Aber wenn Experten sich in Expertengruppen gegenseitig virtuell auf die Schulter klopfen, ist es auch ein bisschen so wie im eigenen Saft zu schmoren. Wo da der Mehrwert hinsichtlich neuer Geschäftsbeziehungen liegt, lässt sich nur vermuten.

Konkurrenzplattformen wie LinkedIn oder Facebook aggregieren Meldungen aus den Gruppen oder Seiten nicht nur übersichtlich im Echtzeitstream auf der Startseite des Nutzers. Facebook ermöglicht sogar die direkte Interaktion mit einem „Gefällt mir“-Button und einer Kommentarfunktion. So ist offenes Netzwerken und mithin freie Kommunikation möglich, was auch die Kontaktaufnahme von Mitgliedern untereinander erheblich erleichtert.

Von Microblogging weit und breit keine Spur

Klar kann XING sein Interface nicht einfach mal so über Nacht austauschen. Dass es jedoch bestrebt ist, der überseeischen Konkurrenz das Feld nicht ganz kampflos zu überlassen, sah man beispielsweise im Sommer mit der Implementierung zusätzlicher Applikationen von Drittanbietern, die das Netzwerken erleichtern. Oder auch bei der erst kürzlich erfolgten und längst überfälligen Anpassung, dass Links in der Statusmeldung nun endlich anklickbar sind. – Diese zeitgeschichtlich bedeutende Neuerung muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen: Im Oktober 2009 ist es dem hauseigenen Blog einer Internet-Netzwerkplattform eine Jubelmeldung wert, dass Links in einer Statusmeldung anklickbar sind.

Nun also entdeckt das Business-Netzwerk in den zahlreichen Profilen von Mitgliedern im Angestelltenverhältnis ein ordentliches Potential, um es an Personalmanager und Headhunter zu veräußern. Jobsuchende erhalten im hauseigenen Blog sogar nützliche Tipps, auf welche Weise sie sicherstellen können, von Recruitern auch gefunden zu werden. Dabei ließen diese sich auch in einem einzigen Satz unterbringen: verzichten Sie auf sämtliche restriktiven Einstellungen bezüglich Ihrer Privatsphäre.

Im Grunde finde ich es faszinierend, wie XING der verschlafenen Entwicklung trotzt und stattdessen mit neuen Akzenten eine andere Richtung einschlägt. Fraglich ist für mich jedoch, ob es sich in absehbarer Zeit nicht doch eher um ein Jobportal denn um ein Business-Netzwerk handeln wird.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Kommunikationsdesign und
Social Media Managment

 

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2 Antworten zu “XING – Vom Business-Netzwerk zur Stellenbörse”

  1. Scharfsinniger Beitrag. Eben so, wie ich es von dir gewohnt bin. Besonders der letzte Teil, in dem es um Privatsphäre geht, ist gut! Viele Grüsse nach Berlin. Peter

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