Early Adopters interessieren sich für die neuesten Entwicklungen und probieren gerne auch jedes neu erschienene Tool gleich mal aus. Manchmal werde ich aber den Verdacht nicht los, sie vermuten hinter jedem neuen Blogpost einen neuen Trend – und verlieren darüber die Bodenhaftung. Denn wenn ich mich mit meinen Kunden oder Bekannten unterhalte, fragen sie mich regelmäßig, was ich denn überhaupt mit Social Media meine, wozu Twitter eigentlich gut ist und wieso man plötzlich keine eigene Website mehr benötigen sollte.
Auf der Suche nach Antworten bemerke ich deutlich die entstandene Diskrepanz zwischen der jungen, Digital Natives genannten Generation, die kreuz und quer auf allen möglichen Plattformen kommuniziert, um heute schon die Antworten auf die Fragen von morgen zu finden. Und auf der anderen Seite jene, die etwas mitleidig Digital Immigrants genannt werden, weil sie sich genau genommen für die Antworten von heute interessieren.
Es deuten sich also zwei Gruppen von Internetnutzern an, die mit deutlich unterschiedlichen Geschwindigkeiten die Entwicklung des Internet beeinflussen. Gerade aber wegen ihres erheblichen Einflusses, den meiner Meinung nach beide Usergruppen gleichermaßen ausüben, kann ich zwar extreme Unterschiede im Nutzerverhalten, jedoch keine Spaltung ausmachen. Es wundert mich in dem Zusammenhang nicht wirklich, dass die Existenz der Generation Internet als solche in Frage gestellt wird.
Besonders deutlich wird die Diskrepanz beispielsweise in den unterschiedlichsten Beiträgen über ein und dieselbe Sache. Lange vorher angekündigt, offeriert Google nun zunächst einem erlauchten Kreis von Auserwählten sein Kollaborations-Tool Wave zum Testen und schon schlagen die Wellen hoch. Die einen sind sich mehrheitlich sicher, dass es unser gesamtes Kommunikationsverhalten ändern wird. Andere erkennen zwar das Potential, hinterfragen aber dennoch eher skeptisch die Revolutionsmetapher. Wieder andere winken bereits ab, bevor sie es überhaupt ausprobiert haben und berufen sich hierbei auf Erfahrungen mit anderen, vergleichbar euphorisch bejubelten Innovationen.
Future of Web Strategy-Autor Sebastian Küpers' Kommentar vom 08.10.2009 auf Facebook nach zwei Tagen Wave-Nutzung
Und noch bevor der ganz normale Internetnutzer sich anhand diverser Blogbeiträge wenigstens einen ersten vagen Eindruck verschaffen kann, dämpfen selbst professionelle Early Adopter die geschürten Erwartungen.
Wer also bestimmt eigentlich die Geschwindigkeit, mit der sich das Internet entwickelt?
Die genialen Entwickler sind es bestimmt nicht, denn was immer sie an großartigen Innovationen der Öffentlichkeit präsentieren, ist abhängig davon, ob es überhaupt von jemand angenommen wird. Die Early Adopters fungieren hier als unverzichtbares Bindeglied. Was sich aber tatsächlich durchsetzt – also von der Masse angenommen wird – bestimmen die „gewöhnlichen“ Anwender immer noch selbst. Und in aller Regel liegt der Zeitpunkt, wann dies geschieht, weit hinter dem Releasedatum.
Gelassenheit fürs Social Media
Ähnlich verhält es sich mit Social Media, nach dem ich – wie eingangs beschrieben – immer wieder von Menschen befragt werde, die sich nicht täglich damit auseinander setzen. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob sie über einen Facebook-Account verfügen oder nicht. Sie können sich unter dem Begriff nichts vorstellen, bewerten andere Dinge in ihrem Leben wichtiger, zweifeln grundsätzlich an gehypten Dingen und bleiben ansonsten gelassen.
Natürlich sind sich die Social Media Evangelisten ziemlich sicher, das hier ein enormes Potential beispielsweise fürs Marketing zu finden ist. Da die meisten Menschen den Empfehlungen ihrer Bekannten vertrauen, liegt es eigentlich klar auf der Hand, dass da, wo Menschen sich untereinander vernetzen, auf solch ein besonderes Vertrauen gebaut werden kann.
Anhand der Nutzerzahlen bietet die bloße Erkenntnis allein jedoch noch keinen Grund zu Euphorie oder zu so vorschnellen Äußerungen, wie etwa die, dass Corporate 2.0 tot sei. Die meisten Unternehmen haben noch nicht mal angefangen, ein Corporate Blog zu betreiben oder sich mal wirklich mit dem Potential von Twitter auseinanderzusetzen, geschweige denn können Sie etwas mit der 2.0-Begrifflichkeit anfangen.
Allerdings hat der Autor des Artikels in seiner Erwiderung auf meinen Kommentar recht, dass man sich nicht nur auf die Nutzerzahlen verlassen dürfe. Das stimmt umso mehr, bedenkt man, dass früher oder später auch die Masse dem Social Media Trend folgen wird. Und zwar genauso sicher, wie alle früheren Bedenkenträger wenige Zeit später unbedingt ein Handy, eine Mailadresse und schließlich eine eigene Website haben mussten.
Social Media heute ist wie Webdesign vor zehn Jahren
Trotzdem erinnert mich die Situation ein wenig an die des Webdesigners vor gut zehn Jahren. Damals wurde auch euphorisch verbreitet, jeder müsse jetzt eine Website haben und bald werde nur noch übers Internet kommuniziert, vor allem aber verkauft. – Stattdessen hatte kaum ein mittleres oder gar kleineres Unternehmen auch nur im Ansatz Interesse an einer eigenen Webpräsenz, ja nicht mal eine eigene Mailadresse. Erst später folgten die ersten Firmenmailadressen (meist noch als T-Online-Accounts), und bis wirklich ein spürbarer Run auf die eigene Firmen-Website einsetzte, vergingen noch mal gut fünf Jahre.
Geht man in Sachen Social Media analog von einer ähnlichen Entwicklung aus, stehen uns also fünf zähe Aufbaujahre bevor. Und das Ergebnis dürfte sich ebenfalls ähnlich auswirken. Denn nachdem jeder seine eigene Homepage hatte, war die vor lauter Konkurrenz-Websites gar nicht mehr auffindbar. Es folgten weitere Anstrengungen und (Achtung, böses Wort!) Folgekosten für Suchmaschinenoptimierung, Suchmaschinenmarketing und den gezielten Einsatz von Landingpages.
Was die Social Media Evangelisten heute in vergleichbarer Situation neben ihrer unermüdlichen Forschungsarbeit tun können, ist vor allem herauszufinden, wie sich der von jeder neuen Entwicklung befürchtete Information Overload wirksam eindämmen lässt. Denn im Umgang mit den neuen Medien, liegt die wahre Meisterschaft. Schließlich sollen neue Technologien der Menschheit nützen, beispielsweise Arbeit einfacher und effizienter gestalten, und nicht abschrecken. Und bei aller Euphorie über neue Entwicklungen sollte man vor allem nicht seine Echtzeit-Kunden aus dem Blick verlieren ;)
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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12. Oktober 2009




Glückwunsch, sehr lesenswerter und guter Artikel.
Guter Artikel. Dankeschön. Allerdings kann ich deinem Vergleich zu Webdesign vor 10 Jahren nicht unbedingt zustimmen. Eine dauerhafte Weiterentwicklung kann man aus meiner Sicht nicht unbedingt in Jahre gliedern. Natürlich steht uns noch ein langer Weg bevor, aber aus meiner Sicht geht es in die richtige Richtung. Das nicht immer alles Gold ist was glänzt (schlage mich für so einen Spruch:-)) ist auch klar.
Bei diesem ganzen 2.0 Thema wird aus meiner Sicht ein wichtiger Aspekt unterschlagen. Die Grundidee des Internets. Daten auszutauschen. Nachdem die Branche zwischen 1999-2001 in einer Krise steckte mussten sich gewiefte Marketingmenschen einen Weg überlegen, wie man als Agentur wieder an Kunden kommt. Aus meiner Sicht entstand genau so der Begriff 2.0. Jetzt immmer noch diese Begrifflichkeit zu verwenden, wäre, um bei deinem Webdesignvergleich zu bleiben, als würde man sagen: das Layout dieser Seite wurde mit Photoshop 4.0 erstellt;-)
Entwicklung ist ein dauerhafter Prozess. Wäre 2.0 eine Software würde sie sicherlich schon 4.1 heissen.
Weiter so, werde hier jetzt definitv öfter vorbeischauen und mitlesen:-)
!!!
Mir bleibt der letzte Absatz im Gedächtnis. Vielleicht auch weil ich ein Verfechter des entschleunigten Netzgebrauchs mit allen Features bin?
Die Vermarktung der Welle wird wie ein Virus mittels Tröpfcheninfektion verbreitet. Wo ist der Volksimpfstoff dafür? :-D Bei solchen Aktionen halte ich vorsichtshalber vorest meine Schutzmaske vor’s Gesicht. Man muss nicht unbedingt immer Erster sein. Check it out and act!