Es heißt twittern, nicht pitchen
Twitter ist schon ein interessantes Phänomen. Obwohl der Microbloggingdienst längst nicht mehr künstlich gehypt wird, erfreut er sich eines ebenso ungebrochenen Zuwachses wie anhaltenden Unverständnisses. Neulich erst las ich auf dem Profil eines Followers, dass er seit mehr als einem Jahr twittere, ohne dahinter zu kommen, was es damit auf sich habe. Notorische Verweigerer oder Leute, die noch nicht twittern, fragen mich regelmäßig, wozu das gut sein soll. Und für gewöhnlich finden die Skeptiker recht schnell Gründe, weshalb sie eher nicht twittern wollen.
Ein ähnlich gelagerter Tweet mit sinngemäß folgendem Inhalt kam mir kürzlich unter die Augen:
Geschätzte 50% aller Tweets sind belanglos. Ich würde sagen, es sind gefühlte 90%.
Dabei sagt dieser Tweet mehr über seinen Autor aus als über den Inhalt von Tweets im Allgemeinen. Denn erstens: wer liest denn alle Tweets von allen, um so eine Aussage überhaupt treffen zu können? Und zweitens offenbart derjenige, nicht verstanden zu haben, was für eine Art Kommunikationsplattform Twitter ist.
Die Public-Relation-Maschinerie für jedermann
Twitter ist demokratisierte PR, die beste Plattform fürs Personal Branding, die die Welt derzeit zu bieten hat. Und beim PR geht es nun mal darum, Informationen über eine Person, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu verbreiten, um den Boden zu bereiten, in den anschließend Werbung ausgebracht wird. So flankiert PR die Werbung, und Werbung rezipiert immer die Information, die zuvor durch PR verbreitet wurde.
Twitter bietet jedem die Plattform, diese Möglichkeit für sich in Anspruch zu nehmen. Man muss also nur darauf zurückgreifen, sich informieren, was für andere interessant ist und anderen mitteilen, was man selbst so tut. Seit dem Relaunch der neuen Website heißt der Slogan im Gegensatz zum früheren „What are you doing?“ nun mehr Social-Media-mäßig „Share and discover what’s happening right now, anywhere in the world.“
Darüber hinaus werden Links zu weiterführenden Informationen vertwittert und die Tweets anderer retweetet (weitergeleitet), um das eigene Personal Branding mit einem Mehrwert auszustatten. So formt der Twitterer ein Image von sich. Und das ergibt sicherlich für den einen oder anderen einen Sinn, weshalb er dem Twitterer schließlich folgt. Praktischerweise gruppiert der Follower die Leute, denen er folgt, nach den Themen, die ihn interessieren und bleibt so stets auf dem Laufenden, ohne andauernd sämtliche Tweets aller Twitterer zu beachten.
1.000 Follower am Tag und die Hände im Schoß
Was hingegen gar nicht geht, ist die Kommunikationsplattform ausschließlich für plumpe Werbung zu missbrauchen. Merkwürdigerweise scheinen sich eine ganze Menge Leute, die es besser wissen müssten, darum überhaupt keine Gedanken zu machen. Sie zwitschern munter drauf los, wie man 1.000 Follower und mehr an einem einzigen Tag kriegen kann, ohne etwas dafür zu tun. – Das will kein Mensch lesen. Und was soll man auch mit 1.000 wahllos automatisch generierten neuen Followern anfangen?
Auch will niemand ununterbrochen darauf hingewiesen werden, dass jemand etwas zu verkaufen hat. In einem interessanten Mix aus diversen Informationen hin und wieder darauf aufmerksam gemacht, stört das keineswegs. Aber Tweets ausschließlich als Köder zum Neukundenfang auszustoßen, stört sehr wohl. – Es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie, dass es sich oftmals um Profi-Akquisiteure handelt, die das eigene Verkaufstalent anpreisen, während sie demonstrieren, wie penetrante Kundenansprache nicht funktioniert.
Noch lustiger sind jene Online-Marketer, die sich für besonders clever halten. Sie schicken gesammelte Retweets automatisiert in die öffentliche Timeline. – Da ein Retweet immer den Nutzernamen des Urhebers der Nachricht verwendet, landet er auch in dessen Timeline. Offenbar verspricht sich der Absender davon, auf diese Weise neue Follower zu generieren.
Und selbst wenn das vorübergehend der Fall sein sollte… Was passiert denn, wenn jemand durch eine Reihe in die Timeline schießende automatisierte Tweets den gerade gelesenen Tweet aus dem Blick verliert? Glauben diese ausgebufften Profiseller wirklich, jemand freut sich darüber und denkt: „oh schön, da verstopft mir jemand grad die Timeline.“ – Was soll schon passieren? Zwei Klicks: User => unfollow, gern auch mal User => block.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die Kommunikation via Twitter dient letztlich der Werbung. Um aber wirksam fürs Personal Branding zu kommunizieren, darf sie nicht ausschließlich stattfinden. Und man sollte auch ein Gespür für die Situation seiner Follower entwickeln. Diese ist einem ja in aller Regel nicht bekannt, also platzt man auch nicht marktschreierisch hinein.
Gäbe es beispielsweise einen TV-Kanal, der ausschließlich Werbespots sendete, hätte er sehr sicher keine Zuschauer. Und umgekehrt sieht man in den Shoppingkanälen sehr schön, dass es die das Produkt begleitende Kommunikation ist, welche die Kaufentscheidung beeinflusst, nicht die plumpe Kaufen-Sie-jetzt-Aufforderung. – Und bei Twitter ist das nicht anders. Es heißt schließlich twittern, und nicht pitchen.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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wie Recht du doch hast…