Die Gestaltung mehrseitiger Drucksachen – wie Broschüren oder Bücher – erfordert ein angenehmes, einladendes Gesamtbild. Das heißt, der Grafikdesigner legt größten Wert auf die optimale Lesbarkeit der ganzen Seite. Denn was nützt die darauf platzierte, noch so interessante Information, wenn man sie nicht lesen mag? Daher werden nicht nur die gegenüberliegenden Seiten einer Doppelseite gleichmäßig angelegt, sondern auch die Proportionen des Satzspiegels zum Blatt sollten harmonisch wirken.
Neben dem eigentlichen Satz, also der typografischen Aufbereitung der Einzelinformation, ist die Platzierung des Satzspiegels entscheidend für den Gesamteindruck einer Seite.

Negativbeispiel einer mittigen Satzspiegelkonstruktion. Der Bundsteg erscheint breiter als der Außensteg, der Kopfsteg breiter als der Fußsteg. Die Seiten streben auseinander und fallen nach unten vom Blatt - doch das ist eine - wenn auch unschöne - optische Täuschung.
Laien bevorzugen hier oftmals die Einstellung gleichmäßiger Ränder, stellen also den Satzspiegel mittig auf die Einzelseite, womit er den harmonischen Bezug zur Doppelseite einbüßt. Im Ergebnis signalisiert das Gesamtbild, dass es anstrengend ist, diese Information zu lesen. Der Empfänger legt eine solche Broschüre also zunächst einmal beiseite und unternimmt in den seltensten Fällen einen zweiten Versuch sie zu lesen.
Mittelalterliche Proportionierung – Goldener Schnitt
Vor der Erfindung des Buchdrucks zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurden Bücher zwar meist von Hand abgeschrieben, dennoch gab es bereits Typografie und ein daran geknüpftes hohes Maß an ästhetischem Empfinden. Oftmals wurde die Breite des Papiers als Höhe des Satzspiegels benutzt, so dass dieser ungefähr die Hälfte des Blattes bedeckte.

Proportionierung 2:3:4:6
Betrugen die Proportionen des Papierformats 2:3 (Oktav), wurde für die Seitenränder im Verhältnis Bundsteg zu Kopfsteg zu Außensteg zu Fußsteg die Proportionen 2:3:4:6 gewählt. Ein so angelegter Satzspiegel befindet sich immer im Goldenen Schnitt.
Bei einem Papierformat von 3:4 (Quart) wurde das Verhältnis von Bundsteg zu Kopfsteg zu Außensteg zu Fußsteg entsprechend auf 3:4:6:8 angelegt, um für den Satzspiegel die harmonische Wirkung des Goldenen Schnitts auf dem Blatt zu erwirken.
Neunerteilung und Rasterkonstruktion
Eine weitere seit dem Mittelalter benutzte Satzspiegelkonstruktion ist die klassische Neunerteilung. Sie fand vor allem bei der Produktion von Büchern Anwendung. Bei der Neunerteilung werden die Papiervertikale und die Papierhorizontale in jeweils neun Teile eingeteilt. Ein Teil entfällt jeweils für den Bundsteg und den Kopfsteg, zwei Teile jeweils für den Außensteg und den Fußsteg.

Neunerteilung
Der große Vorteil der Neunerteilung besteht darin, dass sie im Gegensatz zu festen Randverhältnissen immer unabhängig vom Papierformat funktioniert. Seit der Moderne bezweifeln einige Typografen allerdings, dass diese Konstruktion wirklich geeignet ist, da der verbleibende Platz für den eigentlichen Text nach Abzug der Kolumnentitel recht gering ist. Jan Tschichold entwickelte daher im letzten Jahrhundert für technische und wissenschaftliche Bücher eine Erweiterung der Neunerteilung, die n-mal-n-Rasterkonstruktion.
Die Diagonalkonstruktion
Die Diagonalkonstruktion ist seit der Renaissance bekannt und geht vermutlich auf den holländischen Typografen van de Graaf zurück. Bei dieser Konstruktion zeichnet man zunächst die Diagonalen der Einzelseiten ein, jeweils von außen unten nach innen oben. Dann werden die Diagonalen der Doppelseite hinzugefügt, und vom Schnittpunkt der ansteigenden Doppelseitendiagonale mit der rechten Einzelseitendiagonale (1) zeichnet man eine senkrechte Linie zur oberen Papierkante (2). Diesen Punkt verbindet man mit einer Linie zum Schnittpunkt der abfallenden Doppelseitendiagonale mit der linken Einzelseitendiagonale (3) und erhält dort, wo sie die Diagonale der rechten Einzelseite schneidet (4), die linke obere Ecke des Satzspiegels.

Diagonalkonstruktion
Durch Einzeichnen einer Geraden bis zur ansteigenden Doppelseitendiagonale erhält man die obere rechte Ecke des Satzspiegels. Und von dort zeichnet man eine Gerade im rechten Winkel zur Einzelseitendiagonale, um die untere rechte Ecke zu erhalten. Die vierte Ecke ergibt sich aus der rechtwinkligen Konstruktion von allein. Und spiegelbildlich findet sich der gleiche Satzspiegel auf der gegenüberliegenden linken Doppelseitenhälfte ebenso wieder.
Interessanterweise finden sich bei der Diagonalkonstruktion, die unabhängig vom Papierformat angewendet werden kann, die klassischen Einteilungen des Goldenen Schnitts für Oktav 2:3:4:6 und Quart 3:4:6:8 wieder.
In der Renaissance empfand man jedoch beim Anwenden der Diagonalkonstruktion auf Oktavpapier (im Format 2:3), dass der Satzspiegel zu gestreckt wirkte. Dieses Problem wurde mit einer Verringerung des Fußstegs beseitigt; man verwendete stattdessen ein Verhältnis von 2:3:4:5. Das Seitenverhältnis des Satzspiegels stimmt dadurch aber nicht mehr mit dem des Papiers überein. Und obwohl diese Abweichung bei weniger als einem Prozent liegt, handelt es sich auch mathematisch um eine gestörte Harmonie. Gute Typografen lehnen dieses Renaissance-Verhältnis deshalb strikt ab und empfehlen eher die klassische Diagonalkonstruktion.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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19. August 2009





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