Bauernfang mit Old-Skool SEO
Vergangene Woche rief mich eine Kundin an und berichtete mir von einem interessanten Angebot eines regionalen Branchenportals. Dort hat sie ihrem Handwerksbetrieb einen kostenpflichtigen Premium-Eintrag mit Adresse, Telefonnummer und Link zu ihrer Website spendiert. Seit zwei Jahren hat sie den Eintrag immer wieder erneuern lassen, und da aktuell eine dritte Erneuerung ansteht, wurde ihr ein Angebot zur Optimierung ihres Quellcodes unterbreitet, mit dem Ziel, das Ranking ihrer Website zu verbessern.
Natürlich werde ich bei solch schwammigen Schlüsselbegriffen rasch hellhörig und habe meine Kundin gebeten, mir einmal vorzulesen, was genau sie da eigentlich angeboten bekommt. Und ich stellte fest, die Begriffe machten zwar durch Variationen Eindruck, änderten jedoch nichts an der Schwammigkeit des Angebots.
Da war die Rede von „eingehender Analyse ihres Quellcodes“, „Optimierung ihrer Keywords in den Meta-Tags“ und „Anpassung der Alt-Tags von verwendeten Grafiken“ zur „Verbesserung des Rankings Ihrer Website“. – „Aus welchem Jahr stammt denn dieses Angebot?“ hätte ich beinahe gefragt. Stattdessen klärte ich meine Kundin darüber auf, dass sich hinter diesen wichtig tuenden Begriffen – milde ausgedrückt – nichts Greifbares verbirgt.
Was zum Teufel will man denn mit einer Quellcode-Analyse herausfinden, was der Validator nicht schon längst ans Tageslicht gebracht hätte? Und was genau soll die Analyse eigentlich erbringen? Weiteres eindruckesvolles Fachchinesisch, das sich ausschließlich dazu eignet, vor ahnungslosen Kunden den aufgerufenen Preis zu rechtfertigen? Was, wenn das Ergebnis der Analyse Handlungsbedarf anzeigt? Wird der Anbieter dann tätig oder erfolgt ein neues Angebot zur Erstellung optimierten Quellcodes?
Ich könnte noch weiter hinterfragen, was es mit den Keywords in den Meta-Tags und den optimierten Alt-Tags der Grafiken auf sich haben könnte. Aber da meine Kundin in der Sache nur Bahnhof versteht, reicht es mir eigentlich, sie darüber aufzuklären, dass ihr für den Gegenwert von 1.040 Euro nichts Greifbares angeboten wird.
Ich habe ihr empfohlen, sich einmal die Ergebnisse des Google KeywordTools und des Google TrafficEstimators hinsichtlich ihrer Keywords anzuschauen: die waren mehr als ernüchternd. Für das von ihr bevorzugte Keyword, mit dem sie in der lokalen Suche immerhin auf Platz 2 rankt, liegen gar keine Daten vor: so sucht also kein Mensch. Und mit den von Google vorgeschlagenen alternativen, allgemeineren Keywords lagen zwar geringfügige Daten vor. Das Ergebnis des TrafficEstimators hingegen war auch in Bezug darauf eindeutig: Würde sie Anzeigen schalten, die auf diese Keywords optimiert wären, generierten sie keinen einzigen Klick. Null. Nada. Zero.
Zwei Dinge sind mir seitdem durch den Kopf gegangen. Erstens, welche Alternative könnte ich meiner Kundin aufzeigen? Und zweitens, warum wird ausgerechnet Handwerksbetrieben so ein Unsinn angeboten?
Zu Punkt eins konnte ich meiner Kundin empfehlen, sich einmal der Social Media Thematik zu nähern. Wenigstens ein Profil in den wichtigsten Netzwerken erstellen und hin und wieder beispielsweise in geeigneten XING-Gruppen kommunizieren, sollte einem Handwerksbetrieb heutzutage mehr Nutzen bringen, als einem lokalen Branchenportalbetreiber zu glauben, dass sich tatsächlich eine Katze in seinem Sack befindet.
Zum zweiten Punkt kann ich nur mutmaßen. Zunächst einmal bleibt festzustellen – und darauf habe ich meine Kundin hingewiesen –, dass der Anbieter seinen schwammig formulierten Vertrag bereits erfüllt hat, wenn sich ihr Ranking beispielsweise von Platz 150 auf Platz 149 „verbessert“ hat. Aber was hat sie davon? Und bleibt das etwa auch so? Ist Ranking eine feststehende Größe, die zu keiner Zeit davon beeinflusst wird, dass Google seinen Algorithmus erneuert?
Mir ist bewusst, dass Kunden aus dem Handwerk ebenso wenig nähere Kenntnisse vom Internet haben, wie ich etwa vom Einbau einer Gasheizung. Und dass ihre Website keine Kundenströme generiert, hat verschiedene Ursachen, die zum Teil der Natur der Sache geschuldet sind: die meisten Leute wenden sich nun mal an ihren Hausverwalter oder vertrauen Empfehlungen aus ihrem Bekanntenkreis, wenn sie einen Handwerker benötigen; sie suchen ihn selten oder gar nicht übers Internet.
Andererseits reichen weder eine einzelne Website noch ihr spärlicher und selten aktualisierter Inhalt aus, um signifikante Aufmerksamkeit im täglich ins Unendliche wachsenden Internet zu generieren. Um Kunden über eine Website zu generieren, sind deutlich andere Anstrengungen in Sachen Online-Marketing erforderlich.
Die wirklich einzige Erklärung, die ich also für solch ein unseriöses Angebot finden konnte, ist: da wird exakt an der Schnittstelle zwischen wenig erfolgreichen Firmen-Webpräsenzen und geringen Kenntnissen vom Internet mit hoffnungslos veraltetem SEO Bauernfängerei betrieben.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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