Ferienzeit – die nicht nur wettermäßig schönste Zeit. Für viele Menschen ist es auch die einzige Zeit im Jahr, wo sie Gelegenheit finden, ein Buch zur Hand zu nehmen. – Und wir befinden uns im Jahr 20 nach dem Fall der Berliner Mauer. Ein nicht nur für Deutsche besonderes historisches Ereignis: markiert es doch den Schlussakkord einer finsteren Epoche, Wendepunkt und Auftakt in eine neue Zukunft. – Was also liegt da näher, als ein soeben erschienenes, thematisch passendes Buch vorzustellen?
Das Buch heißt „Mauergewinner“ und trägt den Untertitel „30 DDR Sättigungsbeilagen“. Mark Scheppert hat darin mit seiner atemberaubend rasanten Schreibe einen geeigneten Ansatz gewählt, um auch einmal vom ganz normalen Leben in der ehemaligen DDR zu erzählen. Ansprechend, unterhaltsam und kurzweilig zeichnet er ein Bild seines Heranwachsens in einem verschwundenen Land – nicht im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat. Mit diesem simplen Trick entfernt Scheppert den ewig politisierenden Treueschwur auf die freiheitlich demokratische Grundordnung, der all jenen stets abverlangt wird, die sich dem Thema DDR auch nur ansatzweise nähern wollen.
Es geht ihm um Menschliches, das er vollkommen ideologiefrei erzählt, weil er sich selbst in den allzu bekannten Geschichten über die ehemalige DDR nirgendwo wieder fand. Gänzlich ohne Larmoyanz und Ostalgie, dafür aber mit viel augenzwinkerndem Humor macht er seine „Sättigungsbeilagen“ zu einem außerordentlich angenehmen Lesevergnügen.
In diesen dreißig sehr persönlichen Kurzgeschichten, die sich nicht grundlegend von denen anderer Menschen in anderen Ländern und zu anderen Zeiten unterscheiden, kommen seine offenbar frischen Erinnerungen an das Triviale des Alltäglichen zum Tragen. Scheppert leistet es sich sogar, Privates und Familiäres überspitzend nachzuzeichnen. Eine Gratwanderung, die er sich auch durchaus leisten kann, denn an keiner Stelle zieht er das Persönliche so weit ins Groteske, dass die dahinter verborgenen Peinlichkeiten in allgemeinem Gelächter zu ersticken drohen.
Was mir ganz besonders gefällt – obwohl ich mir auch sehr gut vorstellen kann, dass genau dieser Umstand jede Menge pauschale Ablehnung erzeugen wird – ist, dass sich mit Mark Scheppert jemand zu Wort meldet, der seines familiären Hintergrunds wegen gewissermaßen in den üblicherweise ausschließlich so dargestellten Unrechtsstaat DDR verstrickt war.
Aber was kann ein Mensch für seine Eltern? Ist jemand automatisch ein schlechter Mensch, weil er in seinem Leben unter allgemein widrigen Umständen Privilegien genießt? Und war wirklich jeder, der dem Ministerium für Staatssicherheit diente, ein Denunziant an seinen Mitbürgern und Folterknecht für eine „gute Sache“?
Mark Scheppert greift solche Fragen gar nicht erst auf, weil es ihm gerade nicht darum geht, historische Einwegaufarbeitung zu betreiben. Er erzählt stattdessen schlicht und ergreifend seine Geschichte in einem verschwundenen Land. Und wer will, kann darin trotzdem Antwort auf die Frage finden, ob auch jene, die dem sozialistischen Regime dienten, Leute waren, deren Alltag banal und trist und liebenswert menschlich war.
Ich finde, Mark Scheppert beweist großen Mut mit der Veröffentlichung seiner spritzigen Kurzgeschichten aus dem Ostteil Berlins der 70er und 80er Jahre. Und wer genau hinsieht, erkennt sogar, dass er im Grunde genommen all jenen die Hand reicht, die bereit sind, sie im Jahre 20 der deutschen Wiedervereinigung anzunehmen. Und das sind bei ihm zunächst erst einmal die geborenen „Ossis“, denen er Mut zur Erinnerung an ihre Heimat macht, die durchaus ihren Platz im wiedervereinten Deutschland findet. Das ist die Mehrheit aus der DDR-Provinz, die er als Ost-Berliner augenzwinkernd auf die gleiche Schippe nimmt, auf der er noch genügend Platz für sich und seinesgleichen findet. Und dann erst wendet er sich an die Gegner des Regimes und an die Deutschen aus dem Westen, um ihnen glaubhaft zu versichern: seht her, wir sind nicht ein bisschen anders als ihr.
Es ist wirklich eine Bereicherung, den „Mauergewinner“ zu verschlingen und es macht großen Spaß, auch mal einen vergnügten Blick auf diese DDR zu werfen.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
![]() |
| | ![]() |
| | ![]() |
| | ![]() |


17. Juli 2009






Trackbacks/Pingbacks
[...] KadekMedien – Blog [...]
[...] KadekMedien – Blog [...]