Es geht mir jedes Mal ziemlich auf die Nerven, wenn eine Sache gehypt wird. Das liegt möglicherweise an meinem Alter daran, dass mir die Trilogie des Hypens seit den Neunzigern vertraut ist: hypen, abfeiern, abschießen. Derzeit wird in Deutschland Twitter gehypt bis einem schlecht wird. Und wie bei jedem anderen Hype auch, wird aus den einander widersprechenden Argumenten der glühendsten Verfechter und der hartnäckigsten Verweigerer ein Spannungsfeld erzeugt. Auf all jene, die anscheinend noch nie etwas von der Sache gehört haben, wird innerhalb desselben künstlich Druck ausgeübt. – Daher hinterfrage ich mal ernsthaft und ganz ohne Hype: Bringt Twittern was fürs Business?
Nichts Genaues weiß man nicht
So jedenfalls klingt der Tenor der Hyper, womit sie natürlich Öl ins Feuer der Standhaften gießen. Denn deren Gegenargumente bauen immerhin auf Lebenserfahrung und gesunden Menschenverstand sowie auf das Fehlen überzeugender Fakten. Wieso sollte man auch ausgerechnet über eine Internetanwendung Kunden generieren, wenn einem diese signalisieren, dass sie kaum Newsletter beziehen, Werbemails vor dem Löschen oftmals nur anlesen, keine RSS abbonieren und so gut wie nie zum Zeitungslesen kommen? Weil es neu und modern ist? [frei zitiert nach dem Web-Architekten Frank König in einem XING-Thread zum Thema]
Ich habe auch keine Lust, alle Pros und Cons hier wiederzukäuen, um damit letztlich doch schon wieder auf den Zug eines Hypes aufzuspringen, nämlich über den Hype zu berichten. Vielmehr möchte ich die klügsten Argumente der Befürworter anhand meiner eigenen Erfahrung mit Twitter aufgreifen, speziell unter dem Aspekt, ob es was fürs Business bringt.
Twittern macht Spaß
Es birgt sogar einen gewissen Suchtfaktor, soviel Laune kann es machen. Mitunter erinnert Twitter mich an jene herrlich übermütigen und undisziplinierten Situationen während meiner Schulzeit in den rockin’ 1970ern, als der Lehrer mal für zehn Minuten aus der Klasse musste: jeder machte was er wollte und alle machten mit.
Und dieser Spaßfaktor überträgt sich natürlich sowohl auf meine Arbeit als auch in die Gespräche mit meinen Kunden. Was glauben Sie, wie ein Kunde reagiert, wenn Sie gut gelaunt sind? (Vorsicht: gute Laune ist ansteckend!)
Twitter ist Informationsbeschaffung
Twitter kann auf jeden Fall zur Informationsbeschaffung genutzt werden. Dieses Potential ist m.E. noch um einiges größer und weitgehend unerschlossen. Da sehe ich am Horizont sogar schon so etwas wie Social Media Search heraufziehen.
Die Betonung liegt natürlich auf „kann“. Wie mit jeder anderen Sache auch, hängt es davon ab, was man für sich daraus macht. – Wenn jemand einfach nur danach schielt, in kürzester Zeit möglichst viele Follower zu generieren oder im 20-Sekunden-Takt wahllos jeden Link vertwittert, der ihm unter die Maus kommt, ist das natürlich völlig daneben hat das rein gar nichts mit Informationsbeschaffung zu tun.
Es kommt darauf an, wem ich folge. Ich wähle ausschließlich Leute, deren Themen mich in irgendeiner Weise berühren; vorwiegend natürlich nach beruflichen Interessen gewichtet. Aber dann finde ich es auch schon mal interessant zu erfahren, was jemand zum Mittag isst, wohin er am Wochenende geht oder welchen Song er gerade hört. Solange das nicht überhand nimmt und somit das Medium trivialisiert, dienen diese eher persönlichen Mitteilungen gegenseitiger Vertrauensbildung. Und ist das nicht etwa die wichtigste Grundlage, auf der Geschäfte zustande kommen?
Twitter kann natürlich auch als Hilfefunktion genutzt werden. Gerade erst in dieser Woche hatte ich ein Seitendarstellungsproblem mit einem bekannten Textverarbeitungsprogramm. Bevor ich mich durch diese Unannehmlichkeit in den Irrsinn treiben ließ, setzte ich einen entsprechend formulierten Tweet ab und erhielt innerhalb weniger Minuten den ReTweet eines freundlichen PR- und Kommunikationsberaters aus München, im dem er mir den Lösungsweg beschrieb.
Twitter ist Marketing
Das setzt natürlich voraus, worüber der Krawattenträger unlängst schrieb, nämlich dass man sich eine persönliche Strategie fürs Social Media Marketing zurechtlegen muss. Meiner Meinung nach wird im Zusammenhang mit Business immer viel zu schnell auf einen Geschäftsabschluss geschielt. Vor dem Verkauf steht jedoch immer eine – wenn auch mitunter vage – Kundenbeziehung, die auf Vertrauen beruht. Und genau dieses kann allmählich durch regelmäßiges Verbreiten sinnfälliger Informationshäppchen aus der entgegen gebrachten Aufmerksamkeit generiert werden.
Twitter ist ein Kanal innerhalb der Social Media Plattformen und kann als solcher hervorragend genutzt werden, z.B. um die eigenen neuen Blogbeiträge zu promoten. Wenn die den eigenen Followern gefallen, werden sie sie auch retweeten. Und damit erweitern sie nicht nur den Empfängerradius erheblich, sondern verleihen dem Tweet auch größere Wichtigkeit, weil er den eigenen Abonnenten ein weiteres Mal unter die Augen kommt.
Gegner sehen Twitter als Zeitfresser
Natürlich erfordert Twitter ebenso wie andere Social-Media-Aktivitäten Zeit. Viel Zeit sogar. Aber das trifft genauso gut auch auf konventionelles Marketing zu. Etliche Firmen leisten sich Außendienstler und Kontakter, machen also einen Fulltimejob daraus. In Social Media aktiv zu sein heißt, den Arbeitstag schon mal auf bis zu 16 Stunden auszudehnen.
Um nicht gänzlich auf Freizeit zu verzichten, ist es also erforderlich, die zu vertwitternde Zeit gewissenhaft zu budgetieren. Und selbstverständlich bleiben andere Dinge dadurch auf der Strecke verlegt man seinen Fokus auf wichtigeres. Allerdings ist das nicht sooo schwierig: seit im Fernsehen nur noch gekocht oder gesungen wird, bietet sich hier jede Menge Einsparpotential ;-)
Fazit: Twitter zu hypen, weil es neu und modern ist, ist genauso überzogen, wie es prinzipiell und ungeprüft abzulehnen. Menschen, die an Social Media teilnehmen, signalisieren grundsätzlich Bereitschaft, ihre Aufmerksamkeit zu spendieren, und zwar auch Ihrem Informationsangebot. Der häufig vorgebrachte Einwand also, keine Zeit fürs Twittern zu haben, läuft darauf hinaus, diese Menschen zu ignorieren und auf deren Aufmerksamkeit zu verzichten. – Wer sich’s leisten kann…
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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17. Mai 2009 




Sehr lesenswerter Artikel. Nur: Wieso kein Link zum eigenen Twitter-Profil in so einem Text? Musste mir den erst ergoogeln, denn das Folgen scheint mir lohnenswert.
Danke fürs Kommentieren und Folgen, Thomas. Mein Twitter-Profil steht doch in meiner Blogroll, ich dachte das reicht…
http://twitter.com/kadekmedien
Ah, ok. Da hatte ich es nicht vermutet, deshalb hatte ich da gar nicht erst geguckt. Danke auch für’s Zurückfolgen :)
Mein Reden… :-)
Allerdings ist Twitter für MICH eher eine “Spielwiese” :mrgreen:
Hallo Klaus-Dieter und vielen Dank für den schönen Artikel! Ich habe kürzlich in die Fragebox bei Xing in die Menge gefragt was die Leute von Xing@Business halten – das Resultat: Eine magere Antwort ;)
Ich persönlich erkenne viel Wahrheit in Deinem Artikel.
Viele Grüsse aus Langenfeld
Peter Piksa