Es geht auch billiger?
Über Demokratie, Prostitution und
die Zukunft des Grafikdesigns
Design ist nicht demokratiefähig, lautet der Konsens unter den standhaften Kollegen. Der Designer allein kennt die Gesetzmäßigkeiten, denen gutes Design folgt. Er allein hat das Briefing verstanden, die Fakten analysiert, das Konzept erstellt und seine Entwürfe entsprechend gestaltet. Er berät seinen Kunden nach bestem Wissen und Gewissen, und versucht ihn für seine schönste Idee zu begeistern. In schlaflosen Nächten wälzt er die Argumente für seinen grandiosen Einfall dem aufkeimenden Selbstzweifel wieder und wieder entgegen. So perfektioniert der Designer sein Genie.
Eine Bestätigung hierfür erfährt er freilich erst, wenn bei der Entwurfspräsentation dem Auftraggeber vor lauter Entsetzen das Kinn auf die Brust klappt.
Doch plötzlich hört er den Kunde sagen: „Sie müssen meinen Namen viel größer schreiben.“ Und überhaupt, die Schriften passen gar nicht zum Produkt, die Farben sollten auch viel kräftiger sein und die Kreise da am Rand stören irgendwie. „Finden Sie nicht?!“
Als durchaus angemessene Strafe für die eigene Überheblichkeit akzeptiert der Designer dann, den Anblick einiger MS Publisher-Kapriolen der anwesenden Sekretärin ertragen zu müssen. Das schmerzt längst nicht so sehr wie die maigrüne Comic Sans in den kundeneigenen PowerPoint-Kreationen. Und schließlich findet Selbstverleugnung ja ihren gebührenden Niederschlag im Entwurfshonorar…
Weder Gott noch Tier
Doch mal im Ernst: der Designer hat ein schwer wiegendes Problem, das seinem Beruf immanent ist. Es beginnt schon mit der Berufsbezeichnung Designer, die nicht geschützt ist. Jeder darf sich so nennen, der irgendetwas anders macht. Verkaufen Sie gesalzene Crêpes mit Dönerfüllung und schon sind Sie ein Fooddesigner.
Im Kern ist des Designers Problem zutiefst menschlich: er besetzt nämlich die Schnittstelle zwischen Künstler und Handwerker. Er verbindet die erhabene Tätigkeit geistigen Schöpfens mit der profanen Tristesse fachgerechter Ausführung. Seinem Narziss erscheint dieses Tun bereits als Prostitution; der ewig nagende Selbstzweifel des Menschen, der weder Gott noch Tier ist…
Und als sei dies alles noch nicht schlimm genug, kommen die Erben der industriellen Revolution daher und verschleudern hochwertige Technologie massentauglich für ein Almosen. Kommunisten allesamt, die da im besten Marx’schen Sinne die Produktionsmittel in Proletarierhände legen, um somit Stil und Geschmack auf der endlosen Abwärtsspirale demokratischen Irrsinns schamlos der eigenen Profitgier opfern.
Plötzlich meint jeder Maurer ein Logo zu brauchen und lobt sein Bedürfnis öffentlich aus. Und warum auch nicht? Schließlich gibt es diese billigen Plattformen, deren Namen wir nicht aussprechen und auf denen die Verzweifelten sich gegenseitig unterbieten. Es gibt demokratische Wettbewerbe, die unbefangene Studenten mit dem vagen Versprechen auf eine rosige Zukunft zur Selbstausbeutung verführen. Die Zeiten ändern sich nun mal, und mit ihnen ändert die Sicht auf die Dinge: schon hält ein jeder junger Spund das Pixelbild auf seinem Handydisplay für ein Logo!
Design oder Nichtsein, das ist die Frage
Liebe Kollegen, grämt euch nicht länger ob der Tänzer auf dem Opferplatz. Der qualitätsbewusste Kunde verzichtet keineswegs auf gutes Design, da er den Mehrwert durchaus zu schätzen weiß. Und wer sich unbedingt mit einem Billig-Logo präsentieren will, bitte sehr! Das sind doch gar nicht eure Kunden, die ihre Albernheit auch noch bezahlen. Ein Unternehmen, das sich – anstatt professionell zu kommunizieren – eine Pappnase aufsetzt, muss das dürfen. Sonst gäbe es doch bald schon gar nichts mehr zu lachen.
Und Aufträge gehen euch durch die Billigheimer auch nicht verloren. Denn die werden durch künstlich neu erzeugte Bedürfnisse zusätzlich generiert und sind in jeder Hinsicht für einen Designer uninteressant. Die den Massengeschmack verderben, sind nicht etwa ernst zu nehmende Konkurrenten. Ganz im Gegenteil, gerade die Dumpinganbieter tragen doch maßgeblich zum Erkennen guter Qualität bei: Klasse hebt sich eben immer von der Masse ab.
Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung
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Schön, daß „Design“ mal etwas anders beleuchtet wird. Mit der Überschrift „Demokratie, Prostitution und die Zukunft des Grafikdesigns“ bei hype.yeebase.com hätte dieser Artikel bestimmt schon mehr „Hyper“ gefunden …
Ich wollte es halt nicht so billig haben ;-)
Das ist mir, einem Autodidakten, schon klar. … mit „kitzelnden, verankerten“ Begriffen vielleicht doch manchmal Fingerzeige „fliegen“ lassen … Herzliche Grüße aus dem Süden, dem Süden von Hannover.
Ein sachlicher Artikel zum Thema Design und der momentanen Entwicklung. Vielen Dank dafür und beste Grüße.