Mut zur Hässlichkeit: Valentina Bardazzi in Deutschland

Valentina Bardazzi – in deutschen Ohren klingt dieser Name wunderschön. Und die italienische Künstlerin, die so heißt, ist eine mindestens ebenso wunderschöne junge Frau. Doch davon wusste ich noch gar nichts, als ich ihren Namen in einem Interview mit Fridey Mickel zum ersten Mal hörte. Stattdessen benannte die Berliner Galeristin im Zusammenhang mit einer unmittelbar bevorstehenden Ausstellung diverse Aspekte von Hässlichkeit in Bardazzis Bildern und betonte überdies, dass ein Besuch der Ausstellung sich schon deshalb lohne, weil es sich um Malerei aus Nord-Italien handele, „vielleicht die distinguierteste Malerei Europas“.

Natürlich besuchte ich die Vernissage und sah mich gleich am Eingang mit dem überdimensionierten Abbild eines exhibitionistisch detailgetreu wiedergegebenen Gebisses konfrontiert. Ergrautes Vergilben inmitten einer fleischthekenroten Übertreibung von Lebendigem – die Unterlippe wie von Geisterhand herunter gezogen, weniger um natürlich unebene Zähne und zurückgehendes Zahnfleisch zu offenbaren, als vielmehr die unumstößliche Tatsache, dass Leben – Sein – Dasein ein flüchtiger, weil fortwährender Veränderungsprozess ist, vom Entstehen zum Vergehen… Quentin Tarantinos großartiger Kultfilm From Dusk Till Dawn kam mir in den Sinn… von ungefähr? – Dieses Gemälde zeigte weder ein gewinnendes Lächeln noch zynischen Biss – eher ein lapidar wie zur Prüfung gewaltsam geöffneter Mund vor dem anstehenden Verkauf der Ware auf einem Sklaven- oder Viehmarkt, und ebenso brutal wie rücksichtslos.

Valentina Bardazzi: Selbstportrait, 2008, Acryl und Bleistift auf Holz, 56 x 33 cm

Valentina Bardazzi: Selbstportrait, 2008, Acryl und Bleistift auf Holz, 56 x 33 cm

Das Schlimme daran: der Betrachter konnte sich weder dem durch den Tabubruch hervorgerufenen Schock noch der Faszination des Widerlichen entziehen, denn das Gemälde gleich nebenan zeigte den nackten Körper einer völlig teilnahmslosen jungen Frau im gleichen Kontext: das lapidare Zur-Schau-Stellen eines angegriffenen So-und-nicht-anders-Seins, kranke Wahrheit auf brutal nackte Weise der Persönlichkeit beraubt. Kein Gesicht, das es erlaubte, die Dargestellte zu identifizieren. Stattdessen Hämatome in den Armbeugen und am Oberschenkel: Wunden? Eine Allergie? Abszesse eines Junkies? – Fixed Drug Eruption, so las ich, heißt das Bild, und ich fand das irgendwie beruhigend…

Valentina Bardazzi: Spring Cancer 02, 2008, Acryl, Bleistift, Tinte und Alkohol auf Holz, 26 x 26 cm

Valentina Bardazzi: Spring Cancer 02, 2008, Acryl, Bleistift, Tinte und Alkohol auf Holz, 26 x 26 cm

Und dann im Raum nebenan die Serie Spring Cancer. Fratzen die Entsetzen hervorrufen, collagiert und entstellt, um einen Blick ins wahre Innere der Gezeigten freizugeben. Woher nimmt eine so zierliche, schöne junge Dame den Mut, so viel Hässlichkeit so schonungslos offen zu legen? Woher die Kraft, sie auszustellen? Strapaziert diese italienische Künstlerin nicht das nationale Credo ihrer Heimat, indem sie es nicht nur in Frage stellt, sondern auch gleich eine Antwort mitliefert? Bella Italia, nichts ist wie es scheint?

Ohne Titel für Parenthesyne Suite

Beinahe schon milde stimmend, die ihrer Signalfarbigkeit beraubten, gelbgrauen Gemälde runzeliger Hände der Parenthesyne Serie, die Valentina Bardazzi gemeinsam mit ihrem Partner Mirco Magnani seit Ende 2007 erarbeitet hat. Eingescannte Hände, zur Verdeutlichung von Poren, Venen und Muttermalen vergrößert. Eine Expedition in die Geheimnisse des sich permanent verändernden menschlichen Körpers als wahrhaftigem Informationsträger des Seins.

Valentina Bardazzi: Parenthesyne #3, 2007, Acryl und Bleistift auf Holz, 70 x 30 cm

Valentina Bardazzi: Parenthesyne #3, 2007, Acryl und Bleistift auf Holz, 70 x 30 cm

Der Titel – ein Wortspiel – beruht auf einem Missverständnis: eine zu exzessivem Nägelkauen (eine Selbstverletzung die aus Angstzuständen und akuten Panikattacken herrührt) neigende Frau hält den Umschlag mit dem Befund Ihres Arztes gegen das Licht und versucht, den Inhalt zu entziffern. Versehentlich liest sie das (italienische) Wort Paresthesys (Kribbeln oder Taubhaut auf der Haut) als Parenthesyne (kleine Parenthese). Seltsamerweise scheint dieses Wort zur augenblicklichen Wahrnehmung ihrer so beschaffenen Wunden zu passen.

Es ist für dieses Projekt unerlässlich, die Unvollkommenheit des Seins zu portraitieren. Besonderes Augenmerk legen beide Künstler – Bardazzi in ihren Bildern, Magnani in seinen hierzu angefertigten Videos – auf die Falten und Wunden als Ergebnis des zwanghaften Nägelkauens. Mirco Magnani, auch als T.C.O. bekannt, Komponist und Produzent mehrerer Künstler auf seinem eigenen Label Suite Inc. / Suiteque steuert neben den Videos noch die Klangstücke Parenthesyne Suite und Corpus 2 bei, die den eingefrorenen, unbewegten menschlichen Formen wieder etwas Leben einhauchen.

Valentina Bardazzi, 1974 in Prato geboren, graduierte 1995 als Magister Artium am Istituto statale d’Arte Policarpo Petrocchi in Pistoia. Anschließend studierte sie an der International School of Comics in Florenz und graduierte 2002 an der Accademia di Belle Arti di Firenze mit einer Arbeit unter dem Titel “Das falsche Abbild. Ein Ausflug durch die körperliche Methamorphose”. Mehrere Einzelausstellungen in Italien seit 2003 sowie Teilnahme an diversen Gruppenausstellungen.

In Deutschland waren ihre Werke erstmalig bei FRIDEYMICKEL in Berlin von Mitte März bis Anfang April 2009 zu sehen.

Wer die Gelegenheit, Valentina Bardazzis Werke in Deutschland zu sehen, noch nutzen will: im Rahmen einer Gemeinschaftsausstellung von FRIDEYMICKEL sind ihre Bilder vom 23. bis 26. April auf der tease art fair #03 in Köln zu sehen.

 

Dieses Portrait präsentiert Ihnen:
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung

 

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