Requiem für die Verbandskunst

Nachtrag zur Ausstellung „Quaternio IV“ in der Galerie im Turm

Es ist müßig und beschwerlich und wird weder den Künstlern noch ihren Werken auch nur annähernd gerecht, wenn ich – wie in meinem ersten Art & Events-Beitrag – im Wortsinn über Nacht eine Ausstellungsankündigung entlang von Presse- und Katalogtexten schreibe.


Jetzt weiß ich immerhin: Quaternio ist ein Wort-Spiel mit der Zahl vier, 1996 von der Berliner Künstlerin Karla Woisnitza initiiert. Die Ausstellung findet alle vier Jahre statt, war ursprünglich so konzipiert, vier Künstler aus vier Ländern zu zeigen. Bei „Quaternio III“ 2004 waren es bereits fünf, gestern bei „Quaternio IV“ gar sechs Künstler.

Der wichtigste Eindruck, der sich mir aufdrängte, war der, dass die „Verbandskunst“ (bezieht sich auf den Ursprung der „Galerie im Turm“ als Galerie des Verbands bildender Künstler in der DDR) tot ist. Dieser traurige Eindruck bezieht sich auf die wichtigsten Aspekte der Ausstellung: die künstlerische Intention hinter den Werken der teilnehmenden Künstler (hier gibt es Ausnahmen auf die ich noch zu sprechen komme); die semi-akademische Art, wie die Ausstellung gemacht wurde; und in gewisser Weise auch das sich berauschende Publikum.

Eric Beets’ Bilder etwa, die in ihrer Abstraktheit heute durchweg altmodisch und nichts sagend erscheinen. Das soll nicht etwa heißen, sie seien uninteressant – Beets drückt immerhin mit dick aufgetragenen Farbschichten seine subjektiven Stimmungen und somit, wenn man so will „Launen der Natur“ strukturiert und die Natur selbst schon beinahe peinlich präzise imitierend aus. Es stellt aber auch keinen Widerspruch dar, seine Bilder gleichzeitig als profan und langweilig zu empfinden, weil sie sich so gänzlich der Interpretation entziehen und man heutzutage Ähnliches schon bis zum Überdruss gesehen hat.

Jeroen Olthofs „Lichtblick / Berlin“-Objekt vermochte seine magische Wirkung in diesem Ausstellungskonzept und in diesem Raum gar nicht richtig zu entfalten. Es wirkte eher wie eine von einem anständigen Handwerker ordentlich angefertigte Arbeit, die dem einen oder anderen Besucher mehr oder weniger hinderlich im Wege standen. – Ich bin sicher, in einem anderen Kontext und in anderen Räumen hätte diese Arbeit mehr Kraft entfalten können: schade drum.

Marie-Louise Leus’ Bilder wirkten vor allem, weil sie mit Weiß auf schwarzem Grund gemalt waren. Doch so magisch ihre ornamentalen Motive auch sein mögen, die Bilder überzeugten nicht und vermittelten auch keine wirkliche künstlerische Intention jenseits der bloßen Beschäftigung mit Malerei.

Karla Woisnitzas Arbeit „Miroir“ ist ob ihrer Abstraktheit ebenfalls altmodisch. Auch wenn die auf langen Bahnen gemalten Tuschestrukturen Assoziationen wie „Schriftenrollen“ / „Scrollen“ hervorrufen und somit einen wie auch immer gemeinten spielerischen Bezug zu modernen Medien herstellen. Im Kontext dieser Ausstellung dienten Sie lediglich als Blickfang ohne jede innere Kraft.

Aglaia Haritz’ genähte Szenen, die mit applizierten Zeitungsfotos ihr tagesaktuelles Selbstverständnis reflektieren, sind vom individuellen künstlerischen Standpunkt aus betrachtet durchaus interessant, wenngleich sie auch noch nicht die Kraft besitzen, das eigentliche künstlerische Anliegen ihrer Schöpferin angemessen auszudrücken.

Die große Überraschung waren die Bilder von Gun Holmström aus der Serie „Veck“ (zu Deutsch: Falte). Drei in ihrer ebenso schlichten wie unbedingt überzeugenden Ästhetik die Blicke des Besuchers sofort auf sich ziehenden Computergrafiken. Und eine Multimedia-Arbeit – mir gefällt der Begriff Video-Gemälde besser –, die in der Lage ist, die individuelle künstlerische Auffassung von Abstraktion wirklich sehr gelungen mit modernen Mitteln zu kombinieren. Das hat Kraft, die eine bessere Präsentation verdient hätte.

Unglaublich altmodisch war auch die Eröffnungszeremonie mit den einführenden Ansprachen des Ausstellungsmachers, der Kultur-Bezirksstadträtin und einer  Kunsthistorikerin. Nicht die freundlichen Worte die sie für die Künstler und die Ausstellung fanden, sondern das peinlich spießige Ritual, die Art und Weise, wie solche Reden gehalten werden, riefen in mir das Bild vom Zu-Grabe-Tragen der Verbandskunst hervor. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als Karla Woisnitza vorschlug, darüber abzustimmen, ob sie die ihrer Meinung nach gelungenen Katalogtexte des Ausstellungsmachers Christoph Tannert vortragen solle. Zum Glück wiegelte Frau Dr. Sibylle Badstübner-Gröger dieses abwegige Ansinnen mit der Bemerkung ab, die Leute mögen gefälligst den Katalog kaufen ;-)

Das Besucherpublikum, das sich schon allein wegen der Künstler international zusammensetzte, fügte sich nahtlos in meinen Eindruck von „Verbandskunst“ ein, indem es mit hochgezogenen Augenbrauen so eine Aura von akademisch gemeinten Ahs und Ohs verbreitete. Dazu passte auch hervorragend der beinahe schon zwanghaft exzessive Genuss von in Strömen ausgeschenktem Wein.

Natürlich kann man nicht von jeder Galerie erwarten, einfach mal Neues auszuprobieren, wie letztens die KOMET-Galerie in der Brunnenstraße, als jemand anlässlich der Vernissage sein Wägelchen vorm Eingang aufbaute und zur allgemeinen Überraschung Zuckerwatte feilbot. – Aber wenn man wie ich gar nicht trinkt, fällt einem insbesondere olfaktorisch auf, mit welcher Gier die Kunstliebhaber den gratis ausgeschenkten Wein nachfragten. Und als denn auch die Luft allzu sehr mit saurem Atem angereichert war, hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, den Abend anderweitig zu verbringen.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Klaus-Dieter Knoll
Grafikdesign, Webdesign, Mediengestaltung

 

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3 Antworten zu “Requiem für die Verbandskunst”

  1. marie- louise leus 15. Februar 2009 um 21:03

    die bilder sind gezeichnet und nicht gemalt! Darüber könnten wir uns
    sehr gerne unterhalten. Seien sie nicht so verniffen und zerknirscht, entspannen sie sich es wird ihnen besser gehen und sie würden entspannter aussehen. Haben sie Probleme? Brauchen Sie Kunst oder sonst etwas?

  2. Vielen Dank, Frau Leus, für Ihren richtigstellenden Kommentar.

    Gemalt, gezeichnet: wer wird’s denn so verkniffen sehen?

    Danke, es geht mir gut ;-)

  3. Marjaliisa Hentilä 17. Februar 2009 um 21:10

    Ich habe mich sehr wohl – und auch viele andere – in der Ausstellungseröffnung gefühlt – auch ohne zu trinken. Es war ein sehr netter und internationaler Abend mit hochinteressanten Künstlern und ihren Galleristen. Es ist eine gute Ausstellung, wo die Werke einander tolerieren und sich zusammenfügen. Es ist gerade toll in Berlin, dass es eine tolerante Stadt für alle ist, eben auch für verschiedene Künstler und ihre Stilrichtungen. Ein richtiges Dankeschön für die Kuratorin und die Galerie im Turm!

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